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Serie Chancen Für Flüchtlinge Und Gesellschaft
Integration fängt beim Frühstück an

Serie Chancen Für Flüchtlinge Und Gesellschaft: Integration fängt beim Frühstück an
"Erst wenn alles sauber ist, gibt es Toast und Tee", sagt Irene Harenberg, die bis zu vier Mal in der Woche Frühstück an Flüchtlinge ausgibt. FOTO: L. Berns
Neuss. Mehrmals wöchentlich hilft Irene Harenberg in der Turnhalle an der Bussardstraße bei der Ausgabe der Mahlzeiten. Daneben unterstützt die 77-Jährige die Männer beim Deutschlernen - und wird auch mal erzieherisch tätig. Von Bärbel Broer

Kaarst Bis zu vier Mal pro Woche ist die Turnhalle an der Bussardstraße ihr erstes Ziel. Bereits um halb acht Uhr morgens steht Irene Harenberg hinter dem provisorischen Tresen und hilft bei der Frühstücksausgabe an die Flüchtlinge. 35 Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren, die aus Marokko, Algerien, Albanien, Bangladesch, Pakistan und Syrien kommen, leben in der letzten, nochvon Flüchtlingen bewohnten Kaarster Turnhalle. Die 77-Jährige ist eine von rund 200 Ehrenamtlern, die sich in unterschiedlichen Bereichen in der Flüchtlingshilfe engagieren.

"Irene gehörte zu den ersten Helfern", sagt Ute Walter vom Ökumenischen Arbeitskreis "Asyl". Viel Aufhebens um ihr Engagement macht Harenberg nicht. "Ich habe Zeit für die Allgemeinheit", erklärt die Witwe und Mutter zweier erwachsener Söhne ihre Motivation. Bereits seit Oktober kümmert sie sich um die Frühstücksausgabe, unterstützt beim Deutschlernen und wird auch mal erzieherisch tätig.

Wie alle, die bei der Verteilung der Mahlzeiten helfen, die ein Caterer anliefert, musste auch sie vorab eine Hygiene-Schulung absolvieren. Die Flüchtlinge dürfen aufgrund von Gesundheitsvorschriften nicht selbst das Essen ausgeben, erklärt Frank Schnitker von der Zentralen Fachstelle für Wohnungsnotfälle bei der Stadt Kaarst. "Aber ich mache den Flüchtlingen nicht das Frühstück", betont Harenberg. Sie stellt Teller mit Wurst, Käse, Marmelade und Butter raus, achtet auf eine gerechte Verteilung und führt - wenn's nötig ist - auch mal ein strenges Regiment. "Manchmal sieht es aus wie Sau", sagt sie. Dann greife sie streng durch, mache den Männern klar, was sie wegräumen oder putzen sollen, und gibt ihnen rigoros zu verstehen: "Erst wenn alles sauber ist, gibt es Toast und Tee."

Manchmal ärgere es sie, wenn sich nur etwa fünf Männer am Frühstückstresen bedienen, während die anderen noch in ihren Kabinen schlafen - zum Teil im Alkoholrausch vom Vorabend. Sobald es derartige Probleme gibt, schreite sofort die Security ein, "die viele Fälle im Vorfeld ausbremsen kann", erklärt Susanne Enkel, städtische Mitarbeiterin für die psychosoziale Betreuung von Flüchtlingen.

So ein Verhalten stoße bei manchen Menschen auf Unverständnis, sagt Harenberg, die sich auch schon für ihr ehrenamtliches Engagement rechtfertigen musste. "Die Flüchtlinge erhalten ein Dach über dem Kopf, Essen und Fürsorge. Da erwarte ich auch Disziplin und Respekt." Problem sei jedoch, dass manche der Männer aufgrund ihrer Sozialisation nie gelernt hätten, sich um Wäsche, Mülltrennung, Hygiene und Sauberkeit korrekt zu kümmern. Dann erkläre sie ihnen, was zu machen sei.

Ute Walter weiß um diese Schwierigkeiten, meint aber: "Würden deutsche Männer über längere Zeit so zusammenleben, gäbe es auch Probleme." Denn die Kabinen bieten Sicht-, aber keinen Lärmschutz. Richtige Nachtruhe ist so nicht gewährleistet, abgedunkelt ist die Turnhalle auch nicht. Hinzukommt, dass die Flüchtlinge nicht arbeiten dürfen. "Zudem bringt jeder seine eigene Geschichte mit", so Enkel. Da gebe es schon mal einen "Turnhallen-Koller". Irene Harenberg schreckt das nicht: "Mir macht die Arbeit Spaß, ich komme zufrieden nach Hause." Und manche Seele habe sie so vielleicht retten können.

Quelle: NGZ
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