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Neuss
Jazz- Kino im Kopf

Neuss: Jazz- Kino im Kopf
Saxofonist Reiner Witzel kam mit Kontrabassist Joscha Otz und Schlagzeuger Christian Scheuber (v.l.). FOTO: Barbara Steingießer
Neuss. Saxofonist Reiner Witzel sorgte mit seinem Trio für einen großartigen Abschluss bei "Blue in Green". Von Barbara Steingiesser

"Die Bilder handeln alle ..." So begann der Düsseldorfer Altsaxofonist Reiner Witzel das Konzert in der Alten Post - und unterbrach sich dann, denn er hatte sich versprochen. Nicht von "Bildern", sondern von "Stücken" wollte er erzählen, die sich thematisch zu einem Ganzen zusammenfügen. Denn obwohl sich in der Alten Post die Jahresausstellung "Kunst aus Neuss" bereits im Aufbau befindet, ging es bei dem Konzert in der Jazzreihe "Blue in Green" natürlich nicht um Gemälde, sondern um die Kompositionen der beiden CDs von Witzels Trio "Drei im roten Kreis". Und doch war der Versprecher bezeichnend. Es handelt sich nämlich - dafür ist das Trio bekannt - um Musik, die Bilder im Kopf entstehen lässt.

Musik ist nicht starr, sondern verläuft in der Zeit. Folglich sind auch die durch sie imaginierten visuellen Eindrücke nicht statisch, sondern bewegte Szenen wie im Film. Die Leinwand im Kopf ist nicht die des Malers, sondern die große Kinoleinwand, Projektionsfläche für Spannung und Abenteuer. War die Inspiration für Witzels Kompositionen bei der ersten CD "16 mm", deren Titel auf ein Filmformat anspielt, der Gangsterfilm der Nouvelle Vague, so ist es beim aktuellen Album "Nomansland" das Roadmovie oder der Wildwestfilm der 70er Jahre, mit deren Klischees schon das Plattencover selbstironisch spielt. Da sieht man die drei Musiker als reitende Westernhelden, ferner Straßenkreuzer unter sengender Sonne auf einem verlassenen Parkplatz und einsame Highways in der Wüste.

Für solche Bilder im Breitwandformat bietet die Besetzung mit Altsaxofon, Kontrabass (Joscha Oetz) und Schlagzeug (Christian Scheuber) großzügig Raum. Das Trio ohne Harmonie-Instrument engt den Erzählfluss in keine Richtung ein. So kann die Phantasie Kapriolen schlagen, ohne von starren Akkorden in Schach gehalten zu werden. Bassist Joscha Oetz, spielt seine Linien so flink und wendig, dass er es - wie er in "The Escape" beweist - mit jedem Verfolger aufnehmen kann.

Nicht nur Freiheit zeichnet dieses Trio aus, sondern auch Transparenz. Durch die luftige Instrumentierung hört man - etwa im Intro von "Taste Of Eternity" - den Wind der Prärie wehen, wenn Witzel den Atem so sachte am Rohrblatt des Mundstücks vorbeiziehen lässt, dass das Blättchen gar nicht erst anspricht. Und selbst diesem tonlosen Rauschen haucht er noch plastisches Leben ein, indem er es mit Klappen-Percussion und elektronischen Effekten modelliert.

In "Echoes Of The Universe" tritt Witzel sogar in einer Doppelrolle auf, wenn er zunächst ein Flöten-Ostinato einspielt, um es dann zur Begleitung seiner Saxofonstimme als Loop wieder ablaufen zu lassen. Auch "Bushwick 2 a. m.", das von einer nächtlichen Party im Loft eines New Yorker Fotografen inspiriert wurde, ist ein cineastisches Meisterstück. Es beginnt als wilde Up-Tempo-Nummer und wechselt plötzlich in einen lässigen Swing. Da weiß man: Es öffnet sich die Tür und ein neuer Protagonist tritt auf. Kameraschwenk, Großaufnahme. Das ist Filmkunst mit anderen Mitteln. Am Schluss war das Publikum froh, nicht im Kino zu sitzen. Denn da erscheint nur die Schrift "The End". Wie gut, dass es im Konzert noch eine Zugabe gibt. Applaus!

Quelle: NGZ
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