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Interview
Jüdische Gemeinde sieht zu wenig Verbündete

Interview: Jüdische Gemeinde sieht zu wenig Verbündete
Bert Römgens (l.) aus Neuss, ist Direktor des Nelly-Sachs-Hauses, eines jüdischen Altenwohn- und Pflegeheims in Düsseldorf, und vertritt die Jüdische Gemeinschaft auf Bundesebene in Berlin in den Bereichen Alter & Pflege. In Neuss arbeitet er im Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit mit. Michael Szentei-Heise (r.) ist Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, zu der auch der Rhein-Kreis mit dem Gemeindezentrum an der Leostraße in Neuss (Foto oben) gehört. FOTO: A. Tinter, A. Woitschützke
Neuss. Anfeindungen auf offener Straße, Rechtspopulismus, als Israelkritik getarnte Judenfeindlichkeit - so reagiert die jüdische Gemeinde. Von Frank Kirschstein, Christoph Kleinau und Carina Wering

Herr Szentei-Heise, neben wachsendem Rechtspopulismus wird auch der Antisemitismus unter Muslimen von Juden zunehmend als bedrohlich empfunden. So stellen es Experten im kürzlich veröffentlichten Antisemitismus-Bericht der Bundesregierung fest. Wie reagiert die jüdische Gemeinde?

Michael Szentei-Heise: Schauen wir zunächst auf die Jugendlichen. Antisemitismus wird vielfach in Schulen zum Problem. Als wir unser jüdisches Gymnasium in Düsseldorf eingerichtet haben, ging es uns primär um eine Bereicherung des Schulangebots. Der Aspekt der Sicherheit und des Schutzes für unsere jüdischen Schüler spielte bislang kaum eine Rolle. Jetzt aber rückt dieser Aspekt mehr und mehr in den Vordergrund. Der Hintergrund: Jüdische Schüler werden in der Öffentlichkeit aus der muslimischen Community heraus angefeindet.

Sie registrieren also Vorfälle wie die jüngst in Berlin, als ein jüdischer Schüler bedroht und beschimpft wurde, auch in unserer Region?

Szentei-Heise: Das Beispiel des Schülers aus Berlin, der letztlich die Schule verlassen hat, weil er gemobbt wurde, ist angekommen - auch in Düsseldorf.

Das heißt konkret?

Szentei-Heise: Wir haben jetzt auch Gespräch mit dem Schulverwaltungsamt geführt und dazu 40 Schüler eingeladen, die über einzelne Vorfälle berichtet haben. Dabei konnte einem fast schlecht werden. Die Vorfälle reichen von Pöbeleien und Beschimpfungen bis kurz vor den Einsatz körperlicher Gewalt.

Wie reagieren Sie drauf?

Szentei-Heise: Wir versuchen, gemeinsam mit dem Schulverwaltungsamt Maßnahmen gegen solche Übergriffe zu entwickeln. Ein fertiges Konzept gibt es noch nicht. Aber wir haben die Alarmglocken geläutet und darauf hingewiesen, dass hier ein Problem entstanden ist.

Welche Maßnahmen könnten Sie sich vorstellen?

Szentei-Heise: Vor allem Fortbildung und Unterstützung für Lehrer. Unserer Erfahrung nach stehen Lehrer antisemitischen Vorfällen oft hilflos gegenüber. An dieser Stelle muss man ansetzen. Ich könnte mir zum Beispiel eine Art Katalog vorstellen: Gibt es diesen oder jenen Vorfall, müsst ihr diese oder jene Maßnahme ergreifen. Das liegt aber letztlich in der Hand des Schulverwaltungsamtes.

Gibt es Positiv-Beispiele, wie Prävention gegen Antisemitismus wirkt?

Bert Römgens: Wir pflegen als jüdische Gemeinde enge Beziehungen, zum Beispiel zur Janusz-Korczak-Gesamtschule und dem Nelly-Sachs-Gymnasium in Neuss und wurden dort mehrfach zu Gesprächen in die Oberstufe eingeladen. Dabei hatten wir es auch mit Schülern zu tun, deren Wurzeln in Palästina oder Syrien liegen. Die Erfahrungen waren positiv. Prävention, das Gespräch suchen, in die Schulen gehen, das ist besonders wichtig.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen Zusammenhang zwischen der steigenden Zahl von Flüchtlingen aus muslimischen Ländern und antisemitischen Vorfällen in Deutschland?

Szentei-Heise: Natürlich sind nicht alle Muslime antisemitisch eingestellt, ein gewisser Prozentsatz aber schon. Durch die 800.000 bis eine Million Flüchtlinge, die seit 2015 zu uns gekommen, hat sich das Problem verschärft. Offenbar wurde eine kritische Größe erreicht - mit der Folge, dass Muslime häufiger und deutlicher mit antisemitischen Äußerungen wahrgenommen werden. Das ist aber nur eine indirekte Auswirkung des Zuzugs von Flüchtlingen, keine direkte.

Fallen bestimmte muslimische Gruppen häufiger durch Antisemitismus auf als andere?

Szentei-Heise: Menschen aus Syrien und Irak zum Beispiel wachsen in einem Umfeld auf, in dem der Staat Israel und die Juden allgemein als die größten Feinde betrachtet werden. Das steckt in den Köpfen - deutlich intensiver als zum Beispiel bei den Muslimen mit türkischen Wurzeln.

Wie unterscheidet sich Antisemitismus in Schulen von dem, was in der jüngst veröffentlichten Antisemitismus-Studie der Bundesregierung als "israelbezogener Antisemitismus" klassifiziert wurde? Eine Einstellung, die nach dem Bericht immerhin 40 Prozent der Deutschen teilen sollen.

Römgens: Wir haben es in den Schulen mit Kindern zu tun, die von ihren Eltern antisemitisch, antizionistisch erzogen und sozialisiert wurden. Die Kritik am jüdischen Staat mit antisemitischem Hintergrund kommt allerdings vor allem aus der rechten Ecke. Szentei-Heise Man kann schon unterscheiden, ob es sich um muslimischen Antisemitismus oder um einen Antisemitismus alter Art handelt, eine Judenfeindschaft. Das ist eher eine deutsche Einstellung. Muslime, die eine antiisraelische Haltung vertreten, sind oft, aber nicht immer, in einem zweiten Schritt auch antisemitisch eingestellt.

Wird Kritik an israelischer Politik nicht schnell als Antisemitismus missverstanden?

Szentei-Heise: Auch viele Deutsche, besonders aus dem linken politischen Spektrum, verbinden Kritik an Israel mit Judenfeindlichkeit. Natürlich darf man Israel kritisieren, auch die Regierung oder die Siedlungspolitik oder was auch immer. Solche Kritik üben wir auch. Aber: In Diskussionen zeigt sich dann leider oft, dass dahinter eine in Deutschland eigentlich als "politically incorrect"" geltende Judenfeindschaft steckt, die unter dem Vorwand der Israelkritik dann doch offen geäußert wird.

Wo verläuft denn die Grenze zwischen gerechtfertigter Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus?

Szentei-Heise: Die Grenze ist erreicht, wenn das Existenzrecht des Staates Israel infrage gestellt wird. Bis zu diesem Punkt ist jede Kritik ernst zu nehmen und auch diskussionswürdig.

Aus Berlin gibt es Berichte, dass Juden aus Angst vor Übergriffen in der Öffentlichkeit ihre Identität verbergen. Gibt es solche Reaktionen auch im Rheinland?

Szentei-Heise: Weniger, aber auch. Es gibt genügend Juden, die eigentlich eine Kippa tragen, sich aber, wenn sie nach draußen gehen, eine Baseball-Kappe oder eine andere Kopfbedeckung aufsetzen, unter der die Kippa nicht erkennbar ist. Andererseits wüsste ich in Düsseldorf kein Stadtviertel, in dem ich mit Kippa nicht auf die Straße gehen würde. Trotzdem: Auch bei uns werden Menschen in der Öffentlichkeit angepöbelt - übrigens ausschließlich von muslimischer Seite. Selbst antisemitisch eingestellte Deutsche halten sich in der direkten Begegnung meist zurück. Römgens Wenn ich in Berlin an der Oranienburger Straße in die Synagoge gehe, würde ich nie auf dem Weg dorthin die Kippa aufsetzen. In Düsseldorf oder Neuss hätte ich damit kein Problem, aber das Pflaster in Berlin ist ein anderes.

Wie bewerten Sie die politischen Erfolge, die die AfD erzielt?

Szentei-Heise: Ich habe vor der Landtagswahl den Neusser AfD-Kandidaten, der von "Umvolkung" gesprochen hat, auf Veranstaltungen zitiert und darauf verwiesen, dass das nicht unbedingt ein jüdischer Begriff ist. Ich wende mich auch gegen Frauke Petry, die sich als Patronin der Juden in Deutschland aufspielen wollte. Dieses Anbiedern kotzt uns an. Wir haben mit der AfD nichts gemeinsam und möchten mit der AfD auch nichts gemeinsam haben. Die politische Ideologie, die dahinter steckt, liegt uns fern. Römgens Wir distanzieren uns grundsätzlich von einer Partei (der einzigen übrigens), die sich vornehmlich der Naziterminologie bedient. Dies ist vollkommen respektlos den Opfern des Holocaust gegenüber.

Welche politischen Reaktionen würden Sie sich nach der Veröffentlichung des jüngsten Antisemitismusberichts wünschen?

Szentei-Heise: Wenn der Bericht wirklich öffentlich diskutiert würde, könnte dabei schon etwas Vernünftiges herauskommen. Das Problem: Wir haben den Eindruck, dass eine solche Diskussion nicht gewünscht ist. Und das bereitet mir Sorge. Römgens Er darf nicht zu einem Alibibericht verkommen.

Woran liegt es, dass das Thema nicht öffentlich diskutiert wird?

Szentei-Heise: In Deutschland wird immer wieder systematisch verschwiegen. Das hat es schon in der Nachkriegszeit gegeben, als SS-Leute vor Verfolgung gewarnt, gedeckt oder nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Ich lebe seit meinem zehnten Lebensjahr in Deutschland, bin jetzt 62 Jahre alt, habe Erfahrungen machen können: Ich glaube nicht mehr an Zufälle. Da stecken Absichten hinter, um das Problem des Antisemitismus totzuschweigen.

Wer sind Ihre Verbündeten, wer hilft Ihnen, um das zu ändern?

Szentei-Heise: Wenn wir in die Geschichte zurückblicken: niemand. Wenn wir uns nicht selbst helfen, hilft uns keiner. Das ist unsere Erfahrung aus der Geschichte.

Was heißt es konkret, wenn Sie sagen, dass Sie sich selbst helfen müssen?

Szentei-Heise: Zum Beispiel, dass wir unsere Einrichtungen schützen. Ich kann ihnen versichern, dass die Polizisten, die vor unserer Synagoge Wache tun, froh sind, von unseren Leuten beschützt zu werden.

Wo machen Sie die größten Widerstände aus, wenn es darum geht Antisemitismus zu bekämpfen?

Szentei-Heise: In der Politik, die eigentlich grundsätzlich nicht daran interessiert ist, längerfristige Diskussionen zu führen. Politiker denken nur in Abständen von vier Jahren. Themen wie den Antisemitismus so grundsätzlich anzusprechen, dass sie in zehn, 15 Jahren Effekte haben, das liegt nicht im Interesse der Politik. Dafür müsste man viel Energie und Geld investieren, hat aber für die nächste Wahl keinen Effekt.

Müssten Sie nicht versuchen, eine andere Art von Öffentlichkeit herzustellen. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust ist in Deutschland ja sehr auf bestimmte Stichtage fixiert...

Szentei-Heise: Gegenfrage: Ist der Kampf gegen Antisemitismus in Deutschland unsere Sache, die Sache der Juden? Es gibt etwa 120.000 Juden in der Bundesrepublik. Es kann doch nicht Aufgabe dieser 120.000 sein, gegen Faschismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit zu protestieren. Das wir dagegen sind, weiß doch jeder. Wenn ich aufstehe und sage, dass ich dagegen bin, überrasche ich niemanden.

Machen Sie solche Erfahrungen auch auf lokaler Ebene?

Römgens: Ein Beispiel: Wir haben in Neuss Politiker darauf hingewiesen, dass es in Düsseldorf eine Veranstaltung zum 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz und dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, gibt, in Neuss aber nicht. Ich bekam zur Antwort: Dann organisieren Sie doch etwas. Aber das ist doch nicht unser Job, wir machen das doch nicht für uns.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass es doch gelingt, Antisemitismus zu bekämpfen?

Römgens: Es gibt natürlich auch Positivbeispiele, wie die Arbeit in der Janusz-Korczak-Gesamtschule oder im Nelly-Sachs-Gymnasium in Neuss, wo sich die Schüler kontinuierlich in diversen Projekten mit dem Thema beschäftigen. Das ist der richtige Weg: Wenn wir etwas verändern wollen, führt der Weg über die Jugend. Beeindruckend ist auch, wie die Schulen in Neuss wechselseitig den Gedenktag zum 9. November (Reichspogromnacht) vorbereiten - mit großem Engagement, großer historischer und menschlicher Tiefe. Weiteren Kooperationen mit Schulen und ihren Schülern stehen wir deshalb offen gegenüber.

Quelle: NGZ
 
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