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Neuss
Kampagne für mehr Rücksichtnahme

Neuss: Kampagne für mehr Rücksichtnahme
Marlies Jacob: "Wir sind auf Aufzüge angewiesen." FOTO: G. Jüttner/Stadt Neuss
Neuss. Weil immer wieder Einrichtungen und Anlagen, die für Barrierefreiheit und Menschen mit Behinderung wichtig sind, mutwillig zerstört werden, starten Stadt und Behindertenbeauftragter eine Plakataktion. Morgen wird sie vorgestellt. Von Christoph Kleinau

Barrierefreiheit braucht Infrastruktur. Genau das ist zunehmend ein Problem. Denn immer wieder sind Aufzüge defekt oder werden so genannte taktile Streifen im Bodenbelag, an denen sich die Sehbehinderten orientieren, gedankenlos zugestellt. Die Stadt startet deshalb eine Plakataktion, deren Motive das Problem konkret machen sollen. "Wer etwas kaputt macht, trifft Menschen wie Marlies Jacob", übersetzt Sozialdezernent Ralf Hörsken die Botschaft der Bilder. Morgen sollen sie am Aktionstag für die "Gleichstellung von Menschen mit Behinderung" auf dem Markt öffentlich gemacht werden.

Marlies Jacob gehört zu denen, die sich von Gudrun Jüttner vom Sozialamt für die Kampagne fotografieren ließen. Sie wurde aufgefordert, in eigenen Worten auszudrücken, was ihr Problem ist - und blieb sehr zurückhaltend: "Denken Sie bitte daran, dass wir Älteren auf den Aufzug angewiesen sind", diktierte sie für "ihr" Plakat. Aber, betont Hörsken, "dieser Mensch steht für viele".

Das gilt auch für Katja Gisbert und ihre Tochter Luisa, die sich mit Kinderwagen fotografieren ließ und sich wünscht: "Denkt bitte auch an uns." Oder für den sehbehinderten Ernst Balsmeier, der ja nicht alleine auf das Leitsystem an Bushaltestellen, Kreuzungen oder im Hauptstraßenzug angewiesen ist: "Auf der Blinden-Leitschiene laufe ich sicher. Bitte stellt sie nicht zu", spricht er ein Hauptärgernis gerade in der Innenstadt an, wo die Wege für Menschen wie ihn oft von Werbeaufstellern versperrt sind. Ganz besonders aktuell ist das Problem, auf das Harry Aron hinweist: "Zerstört die Aufzüge nicht." Denn genau das ist der Fall.

"Mutwillig", wie der Behindertenbeauftragte Max Fischer feststellen muss, werden immer wieder Aufzüge im öffentlichen Raum demoliert und stillgelegt. Das beobachtet er im Hauptbahnhof oder auch am Bahnhof Norf, am Aufzug neben dem Hafenkopfgebäude, der auf der Brücke über die Batteriestraße endet - und besonders häufig an der neuen Brücke zwischen der Batteriestraße und dem Insel- und Uferpark östlich des Hafenbecken I. "Der ist ja mehr kaputt, als dass er ganz ist", sagt Fischer. Die Aktion sei deshalb auch die Reaktion auf den Ärger darüber. Weil gerade an dieser Brücke eine Videoüberwachung nicht möglich ist, hat Fischer den Vorschlag gemacht, den Aufzug nachts einfach abzuschließen. Aber das, gibt Gudrun Jüttner zu bedenken, "steht ja im Gegensatz zu dem, was wir mit Barrierefreiheit eigentlich erreichen wollen."

Nicht erst seit dem Ärger über die Aufzüge ist Fischer, wie er selber sagt, "ein absoluter Fan von Rampen." Zu seinem Dienstantritt als Behindertenbeauftragter vor genau elf Jahren stellte er sich am Freithof vor, weil er sich dort eine solche dringend wünscht. "Jetzt bekomme ich sie", sagt Fischer. Der Bau ist gerade erst beschlossen worden.

"Barrierefreiheit ist aber mehr als Rampen", sagt Hörsken. Zur Barrierefreiheit gehören auch viele Kleinigkeiten - und ein Bewusstsein dafür in der Bevölkerung.

Quelle: NGZ
 
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