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Neuss
Keine Holzwege, aber neue Perspektiven

Neuss: Keine Holzwege, aber neue Perspektiven
Die meist farbig gefassten Holzreliefs von Victor Popov aus Kasachstan sind vom russischen Suprematismus und Konstruktivismus inspiriert. Auch sie sind derzeit auf Schloss Reuschenberg zu sehen. FOTO: B. Steingiesser
Neuss. Die Kunstinitiative "Wurzeln und Flügel" zeigt auf Schloss Reuschenberg eine sehenswerte Gruppenausstellung zum Thema Holz. Acht Künstler betrachten dieses Material aus ihrem ganz persönlichen Blickwinkel. Von Barbara Steingiesser

Wer sich bei strahlend-sonnigem Frühlingswetter den Ausstellungsräumen der Kunstinitiative "Wurzeln und Flügel" auf Schloss Reuschenberg nähert, dem fällt schon von weitem ein Objekt der österreichischen Künstlerin Irina Wimmer ins Auge. Es trägt den Titel "Cuts & Breaks" (Schnitte und Brüche) und ist eine kreisrunde Scheibe, die aus Spiegelscherben zusammengesetzt wurde. Die Scheibe scheint über dem Wassergraben, der das Schloss im Neusser Stadtteil Selikum umgibt, zu schweben. Vom Wind leicht bewegt, reflektiert sie in vielen bruchstückhaften Facetten das Spiegelbild der Umgebung: Himmel, Bäume, Wasser und das Funkeln der Sonne unter dem maigrünen Laubdach.

Obwohl dieses faszinierende Kunstobjekt aus einem anderen Material besteht, gehört es zur aktuellen Gruppenausstellung zum Thema Holz, die von der Kunstinitiative "Wurzeln und Flügel" bis Anfang August auf Schloss Reuschenberg präsentiert wird.

"Künstler auf dem Holzweg mit Perspektive" hat Beate Düsterberg-Eissing die Schau genannt, weil die fast 200 Arbeiten von acht Künstlern, die auf 1500 Quadratmetern Ausstellungsfläche zu sehen sind, alle eine Beziehung zu diesem Material haben, auch wenn sie es nur reflektieren, wie Wimmers Kunstwerk die Bäume der Umgebung. "Das Thema ist gerade ganz aktuell", sagt Beate Düsterberg-Eissing. "Viele Museen und Galerien zeigen zurzeit Arbeiten aus Holz, aber ich habe mir gedacht: Ich mache es mal ein bisschen anders, indem ich das Thema weiter fasse."

So umfasst die Ausstellung nicht nur die "Zeitkapseln", spiralförmig geschnitzte, hängende Skulpturen aus Kirsch- oder Walnussholz von Sören Ernst, und die Holzstelen des Beuys-Meisterschülers Horst Kerger sowie die vom russischen Suprematismus und Konstruktivismus inspirierten, meist farbig gefassten Holzreliefs des kasachischen Künstlers Victor Popov. Vielmehr sind auf Schloss Reuschenberg auch Fotografien von Bäumen und Wäldern zu sehen, die Alfons Alt mit einer Plattenkamera aufgenommen und mit Pigmenten verfremdet hat, sodass sie dem Betrachter einen völlig anderen Eindruck von der Vegetation vermitteln als der Blick aus den großen Fenstern nach draußen, in den Park von Schloss Reuschenberg. Beim Wechsel der Perspektive ergibt sich ein spannender Dialog zwischen drinnen und draußen, zwischen Kunst und Natur.

Auch Kirsten Krüger verwendet für ihre Kunstwerke kein Holz im eigentlichen Sinne, sondern weiterverarbeitete Holzprodukte wie Papier, das sie prägt und anschließend mit Laub- und gefalteten Papierblättern bedruckt, sowie Papiermaché, aus dem sie organische Formen wachsen lässt.

Die farbigen, von der Bühne inspirierten Figurinen und Masken von Wasa Marjanov, die an Oskar Schlemmer erinnern, waren bereits in der Ausstellung von Christian Megert und seinen Schülern zu sehen. Sie zeigen, wie sich Holz mit Fantasie zum Leben erwecken lässt.

Eine ganz besondere Technik hat der aus Bosnien-Herzegowina stammende Ivica Matijevic entwickelt, wobei - wie bei vielen Entdeckungen - am Anfang ein Zufall stand. Sein Sohn habe einmal, weiß Beate Düsterberg zu erzählen, im Atelier gespielt und dabei einen Farbstift in ein Astloch eines Holzstückes gesteckt, sodass an der Oberfläche die Mine nur noch als bunter Punkt zu sehen war.

Das brachte den Künstler auf die Idee, selbst auch Stifte in Holzplatten und -blöcken zu versenken, die er zuvor mit vielen verschiedenen Farbschichten überzogen hatte. Das Glattschleifen der Oberfläche brachte nicht nur die Minen als leuchtende Punkte zum Vorschein, sondern rief auch ein wunderschönes Farbenspiel an den Stellen hervor, an denen weiter unten gelegene Schichten der Bemalung zum Vorschein kamen. Die getupften und gesprenkelten Werke erinnern an Pläne für Landschaftsgärten oder sogar an den Sternenhimmel. Ein Holzweg ist das nicht, gewiss aber eine überraschend neue Perspektive.

Quelle: NGZ
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