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Albert Wunsch im Interview
"Kinder brauchen eine sichere Bindung"

Albert Wunsch im Interview: "Kinder brauchen eine sichere Bindung"
Spricht aus guten Gründen gegen eine staatlich geförderte Fremdbetreuung: Der Neusser Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. FOTO: Linda Hammer
Neuss. Der Neusser Psychologe und promovierte Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch (69) geht in seinem jüngsten Buch auf das Thema Resilienz ein. Er meint damit ein "Immunsystem für die Seele" – und das in allen Lebenslagen.

Neuss In seinem neuesten Werk "Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung" verrät Albert Wunsch, wie man Lebenskrisen souverän meistert.

Herr Wunsch, Sie raten zur Entwicklung von Resilienz. Was genau heißt das?

Albert Wunsch Ein "Immunsystem der Seele" braucht man heute in allen Lebensbereichen – ob als Heranwachsender, als Manager, für eine funktionierende Partnerschaft, bei der Erziehung der Kinder oder in schwierigen Situationen. Ohne stabiles Ich geht nichts.

Sie ziehen im übertragenen Sinn einen Regenmantel an und lassen alle Widrigkeiten abperlen. Wie legt man sich diesen Selbstschutz zu?

Wunsch Ein stabiles Ich entwickelt sich schon vom ersten Tag nach der Geburt an – durch sichere Bindung und altersgemäße Herausforderungen, die Eltern für ihre Kinder schaffen.

Viele Kinder und Erwachsene kommen mit den Anforderungen des Alltags nicht zurecht, sagen Sie. Was läuft in den Familien falsch?

Wunsch Statt ihre Kinder zu ermutigen, verwöhnen viele Eltern den Nachwuchs. Dadurch lernen die Kinder nicht, dass Anstrengung zum Leben dazugehört und trauen sich nichts zu. Je instabiler Vater und Mutter sind, desto mehr missbrauchen sie das Kind für ihr eigenes Glück. Außerdem fehlt vielen Kindern unter drei Jahren heute die zuverlässige Bezugsperson, auch aufgrund der Fremdbetreuung in Krippen.

Worin besteht deren Nachteil?

Wunsch In den ersten drei Jahren braucht ein Kind eine starke Bindung, damit Sicherheitsgefühl und Urvertrauen entstehen. Eine solch konstante Bindung an eine Bezugsperson kann die Krippe nicht leisten. Durch die Subventionierung von U3-Plätzen werden immer mehr Kinder schon früh und lange fremdbetreut. Daher plädiere ich für die Abschaffung dieser staatlich geförderten Fremdbetreuung.

Was muss sich in Neuss noch ändern, damit mehr Kinder und Erwachsene eine stärkere Persönlichkeit entwickeln?

Wunsch In Kindergärten, Schulen und der VHS könnten die Themen Resilienz und Selbstwirksamkeit stärker aufgegriffen werden. Frühstücksinitiativen in Schulen sind schön und gut, jedoch müsste das Wissen um ein gesundes Frühstück in die Familien getragen werden. Denn auch gesunde Ernährung stärkt die Persönlichkeit.

Wie reagieren Sie selbst in Diskussionen mit ihren Enkeltöchtern, die in der Pubertät sind?

Wunsch Da wir einen eingespielten Kontakt haben, sind Konflikte selten. Falls nötig, greife ich auf erfolgreiche psychische Automatismen zurück: tief durchatmen, nicht persönlich nehmen, deeskalierend reagieren. Eltern eines Kleinkindes, das dauernd den Aufstand probt, rate ich zur Ablenkung, damit das Kind mit seiner Störattacke nicht mehr im Mittelpunkt steht. Dann vergisst es meist schnell, warum es wütend war.

Wie erlebten Sie Ihre Kindheit im Bergischen Land und in Köln?

Wunsch Als ich fünfeinhalb war, kam mein Vater aus dem Krieg zurück. Mit meinen drei Brüdern hatte ich eine einfache, aber schöne Kindheit, immer mit dem Gefühl: Es wird schon klappen. Nach der Volksschule begann ich mit 14 Jahren eine Schlosserlehre. Die Jahre als Handwerker haben zur Bildung meiner Resilienz stark beigetragen.

Verlieren Sie trotzdem manchmal die Nerven?

Wunsch Selten. Gerade war ich mit meiner Frau in Barcelona und konnte die Auffahrt zum Flughafen nicht finden. Statt – trotz knapper Zeit – in Panik zu geraten, sagte ich mir: Das klappt schon, bat einen Taxifahrer an einem Hotel voraus zu fahren zum Flughafen, und so kamen wir rechtzeitig zum Check-In. Dieses positive Gefühl muss tief in mir sitzen.

Wie verhelfen Sie Erwachsenen zu mehr Gelassenheit?

Wunsch Beim Coaching achte ich auf schnelle Erfolge und zeige konkrete Anhaltspunkte zur besseren Bewältigung des Alltags auf. In meiner Lebenscoaching-Gruppe im Neusser Edith-Stein-Forum diskutieren ganz unterschiedliche Menschen, wie sie ihren Alltag optimieren können. Eine Frau mit wenig Selbstbewusstsein bat ich, aufzuschreiben, was sie gut kann. Anfangs brachte sie kaum etwas zu Papier. Doch mit der Zeit traute sich die nun 67-jährige Frau immer mehr zu. Heute organisiert sie beispielsweise kleine Kunstausstellungen.

Sie lehren an verschiedenen Hochschulen, unter anderem an der Neusser FOM, arbeiten als Berater und Coach und schreiben Bücher. Wie und wo tanken Sie auf?

Wunsch Ich bin ein Spritsparer, brauche weniger Energie als andere, weil ich meine Kräfte sehr gezielt einsetze. Daher kann ich meist 12 bis 15 Stunden am Tag arbeiten. Kraft schöpfe ich vor allem aus meiner Familie und meinem eigenen Schaffen: Was ich anpacke, führt meist auch zum Erfolg.

JULIA ROMMELFANGER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: NGZ
 
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