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Interview Cornel Hüsch Und Tim Kurzbach (diözesanrat)
"Kirche braucht Mut zu Experimenten"

Interview Cornel Hüsch Und Tim Kurzbach (diözesanrat): "Kirche braucht Mut zu Experimenten"
FOTO: "Tinter, Anja (ati)"
Neuss. Leere Gottesdienste und Austritte: Die katholische Kirche zieht immer weniger Gläubige an. Der Chef des Diözesanrats im Erzbistum, Tim Kurzbach, und Vize Cornel Hüsch aus Neuss fordern darum mehr Mitsprache für die einfachen Mitglieder.

Herr Hüsch, Herr Kurzbach, Sie stehen jetzt etwas länger als ein Jahr an der Spitze des Diözesanrats im Erzbistum Köln, sind also die ranghöchsten Laien. Da können Ihnen die neuesten Zahlen über Kirchenaustritte nicht gefallen. Allein im Erzbistum Köln waren es 2014 knapp 20 000 Menschen, die der katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben.

Cornel Hüsch Das stimmt leider. Ohne die genaue regionale Entwicklung, etwa im Rhein-Kreis Neuss, zu kennen, müssen wir feststellen, dass es im vergangenen Jahr mehr Austritte denn je gab. Wobei die Gründe hierfür vielfältig sein können - und ich durchaus den Eindruck habe, dass wir die Möglichkeit besitzen, Gläubige zurückzugewinnen. Nehmen Sie nur einmal die aktuelle Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen.

Trotzdem ist die Austrittswelle eine Entwicklung, die doch gerade für das Erzbistum Köln etwas überraschen muss. Schließlich sind nicht nur Sie neu im Amt. Mit Rainer Maria Kardinal Woelki gibt es auch einen neuen, populären Erzbischof, auf den viele Katholiken nach den Jahren des konservativen Kardinals Joachim Meissner große Hoffnungen setzen.

Tim Kurzbach Das ist schon richtig. Und durch den Kardinal, aber auch durch Papst Franziskus weht ja auch bereits ein frischer Wind durch die Kirche. Denken Sie bitte nur an so aktuelle Themen wie Flüchtlinge, Armut oder zur Sterbebegleitung, bei denen Erzbischof Woelki klare Positionen bezieht. Doch ganz allgemein gilt heute weit deutlicher als früher: Die Kirche ist viel mehr als "nur" der Bischof allein. Die katholischen Laien müssen in Zukunft mehr Verantwortung, auch in der Gesellschaft, übernehmen. Die Kirche darf nicht mehr so kleriker-fixiert sein.

Was heißt das konkret?

Hüsch Dass beispielsweise Laien verstärkt Leitungsfunktionen in der katholischen Kirche übernehmen. Und dass nicht mehr nur Männer Verantwortung übernehmen. Eine Forderung, der der neue Erzbischof auch schon Rechnung getragen hat, wie Personalentscheidungen innerhalb des Bistums zeigen.

Das sind aber zunächst einmal lediglich Veränderungen, die vielleicht Wirkungen innerhalb des "Apparats", also auch innerhalb der katholischen Kirche im Rhein-Kreis, entfalten. Nur für den Alltag ist dadurch noch nicht viel gewonnen. In der Region sind die Kirchen ebenfalls leerer als früher.

Hüsch Schon richtig. Doch gerade das zeigt ja, wie wichtig die von uns angemahnten Veränderungen sind. Wir haben uns etwa die Frage zu stellen, welche spirituellen Lebensfragen auch ohne Geistliche beantwortet werden können. Das bedeutet nicht, dass Laien Lückenbüßer sind. Sie müssen aber Arbeit und Verantwortung übernehmen.

Wobei dies zu erreichen schwer werden könnte. Oftmals drängt sich der Eindruck auf, dass die Kirche viele Menschen gar nicht mehr erreicht.

Kurzbach Ja, das gehört auch zur Wahrheit, die ausgesprochen werden muss. Es gibt zum Beispiel deutlich weniger Menschen, die noch regelmäßig die Gottesdienste besuchen. Und viele fragen schon gar nicht mehr, was die Kirche zu bestimmten Sachen sagt. Ich komme zum Beispiel aus Solingen. Dort besitzt die katholische Kirche längst nicht die breite gesellschaftliche Basis wie im Rhein-Kreis. Es ist für viele Menschen in Neuss, aber auch Köln kaum vorstellbar: Doch 30 Kilometer entfernt befinden sich die Katholiken beinahe in einer Art Diaspora-Situation.

Jetzt übertreiben Sie aber schon ein wenig . . .

Kurzbach Grundsätzlich haben wir auch nur geringe Diasporaanteile im Bistum, dem Erzbistum Köln geht es - gerade im Vergleich mit dem Ausland - finanziell gut. Und dazu kommt, dass die Stimme Kölns innerhalb der Weltkirche durchaus Gewicht hat. Trotzdem gibt es auch in unserem Bistum Gegenden, in denen wir uns in einer defensiven Lage befinden.

Das alles macht ja nicht gerade Mut . . .

Kurzbach . . . und zeigt umso eindringlicher, wie wichtig es ist, dass sich die Kirche öffnet. Was wir brauchen, ist eine Zuwendung zur Welt. Wir Katholiken wissen, was in den Schulen, in den Jugendtreffs, an den Arbeitsplätzen usw. passiert. Wir müssen es nur klar in die innerkirchlichen Debatten einbringen. Das kann aber nur geschehen, wenn wir als Laien Impulse von unten geben. Und wenn wir den Mut besitzen, Experimente zu wagen. HÜSCH Genau. Kirche muss wieder als Weckruf für die Menschen erlebbar werden. Und das kann auch gelingen, wenn wir mit denen, die noch da sind, auf die anderen zugehen. Unser Ziel muss es sein, Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln und wieder alle Milieus zu erreichen. Wie gesagt, das können wir schaffen. Nur klar ist auch: Wenn man nichts macht, ist irgendwann ein Ende in Sicht.

Anderen gelingt das anscheinend weit erfolgreicher. Leicht polemisch könnte man fast fragen: Was machen eigentlich die Muslime besser als die Katholiken?

Kurzbach Richtig oder falsch - das ist in diesem Zusammenhang nicht der Punkt. Wichtig ist vielmehr, dass sich Religionen nicht abkapseln. HÜSCH Wobei gerade an diesem Punkt auch die Chancen für die katholische Kirche deutlich werden. Die Muslime kennen einen anordnenden, ja strafenden Gott. Im Christentum stehen die Freiheit des Menschen und die Liebe Gottes im Mittelpunkt, die den Menschen annimmt und durch ihn wirkt.

Sie wollen also auch die Unterschiede zwischen den Religionen betonen.

Hüsch Ja, denn diese Unterschiede existieren schließlich. Das heißt allerdings nicht, dass man einen Konflikt heraufbeschwört. Worum es für uns Katholiken vielmehr geht, ist, unserem liebenden Gott ein Gesicht zu geben. Das ist unsere Aufgabe. Wir müssen das Bild einer Verbotskirche überwinden.

Eine Kirche wohlgemerkt, die sich im Lauf ihrer Geschichte aber selbst erst einmal verändern musste.

Hüsch Das ist klar. Es ist doch heute selbstverständlich, dass Reformation und Humanismus die moderne katholische Kirche unserer Tage geprägt haben. KURZBACH Hier sind wir an einem entscheidenden Punkt. Im Jahr 2017 feiern die Protestanten 500 Jahre Reformation. Und bei uns gibt es doch heute keinen Zweifel mehr, dass damit auch für die katholische Kirche ein epochaler Wandel einherging. Wir werden uns jedenfalls im Rahmen der Ökumene zu diesem Jubiläum miteinbringen.

Womit wir auch wieder bei der Rolle der Laien wären.

Kurzbach In der Tat. Wir wollen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daherkommen, aber wir müssen in unserer Kirche und in der Gesellschaft verdeutlichen, was wir wollen. Wir für müssen uns nicht verstecken - im Gegenteil, wir sollten den Menschen klar machen, dass es schön ist, katholisch zu sein.

DAS GESPRÄCH MIT TIM KURZBACH UND CORNEL HÜSCH FÜHRTEN LUDGER BATEN UND MARTIN OBERPRILLER.

Quelle: NGZ
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