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Neuss
"König Lear" als Spektakel auf der Narrenbühne

Neuss: "König Lear" als Spektakel auf der Narrenbühne
König Lear: Dem gut 50-jährigen Darsteller nahm das Publikum den verwirrten Alten nicht ab FOTO: G. Wittenberg
Neuss. Neues Globe Theater aus Potsdam nimmt das Publikum beim Neusser Shakespeare-Festival mit auf eine Karussellfahrt. Von Natascha Plankermann

Was liegt näher, als den "König Lear" mit dem Thema Demenz in Verbindung zu bringen? Ahnte er, dass er bald nicht mehr klar bei Verstand sein würde, und gab deshalb sein Reich an seine Töchter weiter? Die Truppe des "Neuen Globe Theater" aus Potsdam legt die Interpretation nahe und zitiert in einem vehement angepriesenen Programmheft den Autor Arno Geiger, der die Begegnungen mit seinem dementen Vater aufschrieb. Unter anderem so: "Das Alter gibt nichts zurück, es ist eine Rutschbahn, und eine der größeren Sorgen, die einem das Alter machen kann, ist die, dass es gar zu lange dauert."

Der Festivalgast im Neusser Globe hatte eher das Gefühl, auf eine lange nicht enden wollende Karussellfahrt mitgenommen zu werden. Denn auf der Bühne ging es rund - entweder man ließ sich mitreißen oder saß zunehmend reserviert dabei. Die Schauspieler lieferten sich eine wilde Jagd über und unter einer Empore oder drumherum. Dahinter reihten sich Kleiderständer auf, die einen schnellen Kostümwechsel möglich machten. Denn alle, bis auf König Lear (Andreas Erfurth) waren in zwei Rollen zu sehen. Die Männer ließen nichts aus: König Lear krakelte wild fuchtelnd, böse intrigierten die Töchter Goneril (Paul Maresch) und Regan (Sebastian Bischoff) im Glamourdress, hinterhältig verfolgte Edmund (Till Artur Priebe), Graf von Glosters unehelicher Sohn, den Plan, statt des rechtmäßigen Sohnes Edgar (Robert Seiler) an die Macht zu kommen. Um schließlich in einem spektakulären Showdown, bei dem bis auf ihn alle massakriert dalagen, als einziger übrig zu bleiben.

Bis zu diesem bitteren Ende kommentierte der Narr (Kilian Löttker) die Aktionen mit vulgären Vergleichen. Kein Zufall, dass er, der auf teils drastische Weise mit der Wahrheit nicht hinter dem Berg hielt, in zweiter Rolle als Lears redliche und doch verstoßene Tochter Cordelia besetzt war.

So weit, so shakespearesk. Ein tolldreistes Treiben auf der Narrenbühne, sprachlich an die Neuzeit angepasst, mit bewundernswert fixem Wandel der Charaktere in den Doppelrollen. Eine Facette mehr innerhalb der Vielfalt der Stücke im Festivalprogramm.

Und doch entwickelte sich das Ganze nicht über ein Spektakel hinaus. Es bleibt die Frage: Was haben wir gesehen, eine Tragödie oder eine Komödie? Lears Scheitern berührte nicht wirklich - man nahm dem vitalen, Anfang 50jährigen den verwirrten Alten nicht ab. Auch wirkte es, als habe sich die Schauspieltruppe vorgenommen, alles nur Mögliche in ihre Inszenierung hinein zu packen: von halb kabarettistischen Einlagen mit politischen Seitenhieben über Disconummern ("It's raining men", gesungen von Regan-Darsteller Sebastian Bischoff) bis hin zu Nacktszenen und einer gespielten Vergewaltigung. Weniger wäre mehr gewesen und hätte gut getan, vielleicht auch die Idee, sich mithilfe von Shakespeare mit Demenz und ihren Folgen auseinander zu setzen, verdeutlicht.

Quelle: NGZ
 
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