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Neuss
Kommunen - die Förderer der Kultur

Neuss. Kulturstaatsministerin Monika Grütters sprach als erster weiblicher Ehrengast beim Burgundermahl. Ihren Einblick in die Kulturpolitik des Bundes verband sie mit der Anerkennung für die Archive, die schriftliches Kulturgut bewahren. Von Christoph Kleinau

Kultur ist Ländersache: An diese eigentlich klare Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern glaubt Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien, nur bedingt. Nicht, weil der Bund seinerseits bemüht ist, einen Rahmen zu schaffen für die Freiheit von Kunst und Wissenschaft, sondern weil die Kommunen in Summe in ihren Augen "die deutlich stärkeren Kulturförderer" sind. Fast 45 Prozent von den 9,4 Milliarden Euro, die jährlich für diesen Zweck aufgewendet werden, schultern Städte und Gemeinden.

Diese Rechnung machte die Ministerin beim "Burgundermahl" auf, zu dem das "Forum Archiv und Geschichte" sie als ersten weiblichen Ehrengast begrüßen konnte, seit diese Veranstaltung vor acht Jahren ins Leben gerufen wurde. Dass die Kommunen bei der Förderung der Kultur auch Chancen ergreifen müssen, thematisierte die Ministerin, deren Haus einen Zuschuss zum Erweiterungsbau des Clemens-Sels-Museum zur Aufnahme einer Jugendstilsammlung in Aussicht gestellt hatte, nicht. Sie appellierte aber an die Versammlung, "der Kultur in Ihrer Stadt so viel Raum wie möglich" zu geben.

Mit dem "Burgundermahl" erinnert das Forum Archiv und Geschichte, wie dessen Vorsitzender Martin Flecken betonte, an die Belagerung von Neuss durch Karl den Kühnen vor inzwischen 541 Jahren. Damals stand Neuss im Mittelpunkt der europäischen Geschichte, weil es dem Hegemonialstreben des Burgunderherzoges Grenzen aufzeigte. Für die Ministerin war das bis dahin neu gewesen. Sie habe beim Stichwort Burgundermahl zuerst an Loriots Rezept für "Nilpferd in Burgunder" denken müssen, gab sie zu - und rezitierte es genussvoll zum Aufschreiben und Nachkochen: "Nilpferd waschen und abtrocknen..."

War ihr das Burgundermahl auch neu, so zeigte sich die Ministerin mit den Neusser Gegebenheiten ansonsten vertraut - oder war gut instruiert worden. Im Stadtarchiv, das schon alt war, als der Burgunderherzog die Stadtmauern berennen ließ, kannte sie zum Beispiel die Restaurierungswerkstatt. Diese sei "ein Pfund", versicherte sie, über das kaum eine Kommune sonst verfügt. Eines der Modellprojekte, die die 2011 vom Bund eingerichtete "Koordinierungsstelle für den Erhalt schriftlichen Kulturgutes" (KEK) finanziell unterstützte, wurde in Neuss umgesetzt, wo vor Jahrzehnten einlaminierte Ratsdokumente aus dem 16. Jahrhundert aus diesem - spröde gewordenen - Kunststoffmantel befreit wurden.

Grütters kündigte ihren Vortrag als "Einblick in die Kulturpolitik des Bundes" an, und widmete neben der Denkmalpflege auch der Erinnerungskultur einige Gedanken. So sei es "unerträglich, dass es noch Nazi-Raubkunst in deutschen Musseen gibt." Breiten Raum aber schenkte sie mit Blick auf ihre Gastgeber und Stadtarchivar Jens Metzdorf den Archiven, diesen "Paradiesen für Zeitreisende". "Sie kämpfen oft gegen den Verfall der Bestände, meist abseits öffentlicher Wahrnehmung", sagte sie anerkennend, denn auch die dort gesammelten "oft einzigartigen Schriften und Drucke müssen erhalten bleiben, um von der Vergangenheit erzählen zu können". Das habe Neuss stärker verinnerlicht als andere Städte, die in erster Linie den Erhalt der Baudenkmale im Auge hätten.

Quelle: NGZ
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