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Neuss
Kopien und Originale mit Lupe entdecken

Neuss: Kopien und Originale mit Lupe entdecken
Museumschefin Uta Husmeier-Schirlitz greift selbst zur Lupe, um die Details auf den Grafiken zu entdecken. FOTO: Helga Bittner
Neuss. "Dürer & Co." heißt eine kleine, aber feine Ausstellung im Grafischen Kabinett des Clemens-Sels-Museums. Sie befasste sich mit Bildern, die unter dem Einfluss der Reformation und Martin Luthers zustande gekommen sind. Von Helga Bittner

Wie gern hätte Albrecht Dürer (1471-1528) den Reformator Martin Luther (1483-1576) doch gemalt. Dazu ist es aber zu Lebzeiten des wohl bekanntesten Künstlers der Renaissance nie gekommen. Aber Dürer hat den Theologen sehr verehrt und als Künstler sowieso dessen Haltung zu Bildern von biblischen Geschichten unterstützt. Denn Illustrationen sorgten in einer Zeit, als die Alphabetisierung der Menschen noch längst nicht selbstverständlich war, für die Verbreitung religiöser Themen.

Der Künstler wusste zudem um die Bedeutung des Buchdrucks, hatte ihn in der Werkstatt von Manfred Wolgemut kennengelernt und - geschäftstüchtig, wie er auch war - - davon als selbstständiger Künstler mit eigener Werkstatt und einigen Mitarbeitern (er selbst sah sie nicht als Schüler) dann profitiert. Seine Holz- und Kupferschnitte hatten in ganz Europa eine "unvergleichliche Verbreitung", wie die Kunstwissenschaftlerin Uta Husmier-Schirlitz erklärt, und den Holzschnitt auch als "selbstständiges Medium eines Kunstwerks neu definiert".

Die Direktorin des Clemens-Sels-Museum hat mit ihrem Team eine kleine erlesene Ausstellung für das Grafische Kabinett zusammengestellt, die gewissermaßen drei Fliegen mit einer Klappe schlägt. "Dürer & Co.", so der Titel der Schau, schafft eine Klammer zu Luther und das Thema 500 Jahre Reformation, präsentiert die grafische Kunst eines Albrecht Dürer und seiner Zeitgenossen und gibt einen Einblick in das sonst eher unter Verschluss gehaltene Grafik-Depot des Hauses. Die hochempfindlichen, teilweise 400 oder 500 Jahre alten Arbeiten auf Papier sind für eine kurze Zeit mal wieder ausgestellt und transportieren allesamt religiöse Darstellungen.

Dazu gehören Blätter aus Dürers "Kleine Holzschnittpassion", die insgesamt 36 Arbeiten umfasst und 1510 erstmals veröffentlicht wurde. Er bezieht dabei auch Szenen aus dem Ersten Buch Moses ein und erzählt mit Bildern Legenden von Jesus Christus. Dass Dürer auch das Marienleben thematisiert, klingt mit Blick auf die Reformation, die Maria als heilige Figur ablehnte, nur anfangs befremdlich. Denn Luther sah in der Muttergottes ein Beispiel - nämlich für gelebtes Christentum, so dass auch Darstellungen ihres Lebens zu seiner Lehre passten.

Dürers Holz- und Kupferschnitte waren zu seinen Lebzeiten schon begehrt und berühmt - bis nach Italien drang sein Ruf. Dort kopierte kurzerhand der Kupferstecher Marcantonio Raimondi (etwa 1480 bis um 1530) viele Arbeiten des deutschen Künstlers. Einige Beispiele von der Hand dieses "sehr, sehr guten Handwerkers", wie Husmeier-Schirlitz sagt, der insgesamt rund 360 Motive Dürers gestochen hat, befinden sich im Besitz des Clemens-Sels-Museum und sind ebenfalls ausgestellt.

Mit bloßen Augen, aber noch besser mit Hilfe der an der Wand montierten Lupen lässt sich auch erkennen, dass Kopist Raimondi selbst vor der der berühmten Signatur "AD" nicht Halt machte. Was zum ersten "Copyright"-Prozess der Geschichte führte, denn Dürer ging gegen Raimondi 1506 gerichtlich vor, bekam aber nur Recht in bezug auf die Verwendung seines Kürzels. Raimondi durfte es nicht länger einfügen, kopierte aber fleißig weiter und ließ nur die Kartusche, wo sonst Dürers Signatur stand, leer.

Daran hielten sich - zumindest - weitgehend - auch andere Kupferstecher, die Dürer kopierten. Andere lebten zwar auch von religiösen Darstellungen, aber legten Wert auf eine eigene künstlerische Handschrift. Sehr schön zeigt die Ausstellung das mit zwei Bildern vom büßenden Hieronymus: von Dürer und von Albrecht Altdorfer. Zudem hat das Museum noch Dürers Weggenossen wie Georg Pencz Raum gegeben, und auch auch Lucas Cranach d. Ä. findet sich dort mit einer Darstellung des "Christuskindes als Welterlöser auf dem geöffneten Grab" (um 1515).

Die Zwischenetage des Hauses hat das Museumsteam für einen Ausflug in andere Werkstätten zu Dürers Zeit genutzt: Da zeigen Ausgaben aus der Werkstatt von Michael Wolgemut, dass schon im 16. Jahhrundert Holz- und Kupferstiche koloriert wurden. Von Hand natürlich und nur für bestimmte Ausgaben, die sich selbstverständlich teurer verkaufen ließen.

Quelle: NGZ
 
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