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"Lost Places" in Neuss
Der besondere Blick eines Autisten auf verlassene Orte

Autist fotografiert Lost Places in Neuss
Autist fotografiert Lost Places in Neuss FOTO: David Marczynski
David Marczynski ist Autist. Und er ist Fotograf. Seine Motive: Verlassene Orte in Neuss und Umgebung. Bevor sie gänzlich verfallen, hält er sie mit seiner Kamera fest. Was fasziniert ihn daran? Von Laura Sandgathe, Neuss

Die Villa Werhahn hätte David Marczynski gern noch fotografiert. Aber es gibt sie nicht mehr, sie wurde vor wenigen Wochen abgerissen. "Das schmerzt mich", sagt er. Bei seiner ehemaligen Schule, der Münsterschule, hatte er mehr Glück. Auch sie gibt es nicht mehr, doch Marczynski hat den Ort mit seiner Kamera festgehalten. "Bevor etwas abgerissen wird, mache ich noch ein paar Aufnahmen. Damit ich weiß, wie es vorher dort ausgesehen hat."

David Marczynski ist 28 Jahre alt und Fotograf. Und er nimmt die Welt anders war, als der Großteil seiner Mitmenschen. Denn David Marczynski ist Autist. Und er macht tolle Fotos. Seine Motive: verlassene, verfallene Orte, sogenannte "Lost Places" in Neuss und Umgebung.

Die Grundlagen des Fotografierens hat Marczynski in seiner Fotografen-Ausbildung gelernt. Heute arbeitet er aber nicht mehr hauptberuflich in diesem Bereich. "Es war im Grunde von Anfang klar, dass ich mit meinen Schwierigkeiten, auf Menschen zuzugehen, als Fotograf beruflich keine Chance haben würde", sagt er. Fremde Menschen vor der Kamera zu positionieren, ihnen Anweisungen zu geben, sie schließlich im Bild festzuhalten - das ist für den jungen Mann, bei dem im Alter von 18 Jahren hochfunktionaler Autismus diagnostiziert wurde, eine Herausforderung, die er nicht meistern kann. Mit den "Lost Places" hat er dagegen ein Motiv gefunden, das ihn fasziniert.

Verwahrlosung, Stille, Licht

"Es ist die einzigartige Atmosphäre. Die Verwahrlosung, die Stille, das Licht und das, was das Licht preisgibt. Und dann die Chance, das in etwas Künstlerisches zu verwandeln", sagt Marczynski. Seine Bilder sind im Netzwerk Oberstraße in Neuss zu sehen, dort hat er schon seine zweite Ausstellung. Für die erste fotografierte er vor allem Orte, die die Natur vom Menschen zurückerobert hatte: wildwuchernde Pflanzen über verlassenen Autos, Eisenbahnwaggons, Häusern. In der zweiten Ausstellung zeigt Marczynski, der selbst nicht gern fotografiert wird, das Innere der Gebäude: Die ehemalige Hermes-Papierfabrik in Düsseldorf zum Beispiel. Das Licht fällt durch Löcher in der Wand, die Regale sind leer, auf dem Boden liegt ein Rest Papier. "Das habe ich so noch nie gesehen", sagt Marczynski.

NRWs verlassene Orte FOTO: Hans-Peter Reichartz

Seine Fotomotive findet er durch Zufall, wenn er zu Fuß oder mit Bus und Bahn unterwegs ist. Er tausche sich nicht im Internet mit anderen Fotografen aus, sagt der junge Mann, dem es schwer fällt, mit fremden Menschen in Kontakt zu treten. "Ich gehe meinen eigenen Weg".

"Die verlassenen Orte faszinieren mich"

Marczynski fotografiert intuitiv, spontan. "Ich suche nach der perfekten Komposition für ein Foto", sagt er. Aber er verändert nie etwas an den Orten - "das würde etwas zerstören." Der 28-Jährige fotografiert immer ohne Blitz, in dunklen Räumen macht er mehrere Belichtungsreihen. Anschließend bearbeitet er die Fotos am Computer. 

Um ein Motiv einzufangen, braucht Marczynski nur eine Minute - oder weniger. "Ich nehme die Orte so auf, wie sie sind. Ich tue das einfach, weil sie mich derart faszinieren", sagt er. Manchmal habe er ein flaues Gefühl, wenn er einen Ort betritt, der eigentlich verboten ist. Er würde gerne an einige Orte, die er in der Vergangenheit fotografiert hat, zurückkehren. Doch manche sind heute verschlossen. "Ich würde auch mit Begleitung hineingehen", sagt Marczynski. Doch er weiß nicht, wie er einen Fremden darum bitten soll, ihn zu begleiten.

Dann fällt Marczynskis Blick auf eines seiner Fotos, er hat es in der Nähe des Neusser Hauptbahnhofes aufgenommen. "Das gefällt mir sehr", sagt er. "Die Tiefe, das Licht - hier stimmt einfach sehr viel".

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