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Bernd Stelter
"Mach ä fründlich Jesicht"

Bernd Stelter: "Mach ä fründlich Jesicht"
Bernd Stelter (55) ist einer der gefragtesten Comedians, Büttenredner, Moderatoren und Autoren im Land. FOTO: Bretz (Archiv)
Neuss. Comedian und Kabarettist Bernd Stelter erklärt, wie er sein Publikum in Neuss zum Lachen und Weinen bringen will.

Sie mögen offenbar Junggesellenabschiede - oder warum sitzen die bei Ihrer aktuellen Tour im Publikum?

Bernd Stelter Das ist jetzt schon mehrmals vorgekommen, stimmt. Das Programm heißt ja: "Wer heiratet teilt sich die Sorgen, die er vorher nicht hatte", und das ist ein Programm "pro Ehe". Und deshalb kommen junge Leute zu mir in den Saal und feiern ihren Junggesellabschied - find ich klasse.

Sie stehen kurz vor Ihrer Silberhochzeit. In Ihrem Text zum Programm bedauern Sie, dass viele heute lieber eine "Lebensabschnittsgefährtin als das holde Eheweib" wählen. Was bedeutet Ihnen die Ehe als Institution?

Stelter Ich will niemandem etwas vorschreiben. Die Ehe ist nicht der einzig-mögliche Weg. Ich verstehe nur nicht, dass die Ehe ein bisschen out ist. Im Comedy-Abend geht es fast immer um das Thema: Männer und Frauen passen nicht zusammen. Mir macht es Spaß zu sagen: Sie passen sehr wohl zusammen. Verheiratete Männer leben signifikant länger als Singles, das ist belegt. Das liegt mit an diesem einen wichtigen Satz: Schatz, trink mal ein Wasser. Diesen Satz kennen Singles nicht.

Sie moderieren das NRW-Duell im WDR - aber 2016 ist nach zehn Jahren Schluss.

Stelter Ja. Wir hatten erst in der letzten Woche neun Prozent Marktanteil gegen Fußball - das ist ein richtig großer Erfolg. Es ist besser, so aufzuhören, als wenn man zuschaut, wie es langsam weniger wird. Dann schaue ich mal, wie es weitergeht. Es gibt nicht nur Fernsehen. Für mich ist Schreiben sehr wichtig. Ich habe ein Buch da liegen, das dringend fertig werden muss. Und ich bin 55, ich darf auch mal einen Tag Pause machen.

Sie erfinden sich also gerade neu.

Stelter Ja. Aber das habe ich in den letzten 25 Jahren immer gemacht. Ich war früher bekannt für Gassenhauer und lustige Lieder, aber mein neues Album ist verdammt ernst mit verdammt guter Musik und tollen Musikern. Wenn man sich nicht neu erfindet, wird es langweilig.

Was mögen Sie denn lieber: Wenn ein tobender Festsaal "Ober zack 'n Helles" grölt, ein Theater über ihre Pointen lacht oder ein Publikum ins Grübeln kommt?

Stelter Im Idealfall gehört alles zusammen, abgesehen von Karneval. Wenn ich aber wie jetzt in Neuss zweieinhalb Stunden auf der Bühne stehe, da hilft das nicht. Mein alter Mentor Rudi Carrell hat immer gesagt: Wenn du Leuten einen schönen Abend machen willst, bring sie zum Lachen. Und wenn du ihnen einen tollen Abend machen willst, bring sie zum Lachen und zum Weinen. Und darum geht's. Das alles gehört in ein Abendprogramm.

Sie haben auf Ihrem neuen Album "Wer Lieder singt, braucht keinen Therapeuten" ihr wie Sie sagen bislang emotionalstes Lied veröffentlicht: "Ein Leben lang".

Stelter Das ist das Lied über meine Eltern, sie waren fast 60 Jahre verheiratet. Als mein Vater nach langer, schwerer Krankheit starb, wollte meine Mutter nicht mehr leben. Als sie dann ein Jahr später starb, sagte mir der Arzt: Herr Stelter, ich kann Ihnen nicht sagen, woran Ihre Mutter gestorben ist. Es gibt keine medizinischen Gründe. Sie konnte ohne ihn nicht leben. Das ist keine schöne Geschichte, ich glaube auch nicht, dass es erstrebenswert ist. Aber es ist die Geschichte einer ganz großen Liebe. Ich habe lange gebraucht, um dieses Lied schreiben zu können und habe noch länger gebraucht, es singen zu können. Es ist jetzt das Schlusslied des Programms vor den Zugaben.

Deutschland beschließt gerade einen Kampfeinsatz, die Flüchtlingsdebatte spaltet das Land, die Terror-Angst wächst. Wie wichtig ist es Ihnen in so einer Zeit, Leute zu unterhalten?

Stelter Ich habe im November im Karneval auf Bühnen gestanden. Viele Leute fragten mich: Dürfen wir Karneval feiern? Die Antwort ist: Nein, wir dürfen nicht, wir müssen ihn feiern. Das ist unsere Lebensart. Das dürfen wir uns von niemandem nehmen lassen. Ich kann nicht jede politische Lage beurteilen. Ich kann nicht beurteilen, ob es Kapazitätsgrenzen gibt für die Aufnahme von Flüchtlingen. Es gibt im Rheinland diesen wunderbaren Satz: "Mach ä fründlich Jesicht, wenn jemand griesgrämig in der Ecke sitzt." Dass wir das gemacht haben, das finde ich gerade für uns Deutsche ausgesprochen wichtig und darauf bin ich auch stolz.

ANDREAS GRUHN STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: NGZ
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