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Neuss
Martin Walser im ausverkauften RLT-Foyer

Neuss. Zur Eröffnung der Reihe "Neuss liest Martin Walser" war der Schriftsteller im RLT zu Gast. Er las aus seinem neuen Werk "Ein sterbender Mann" - und verriet: Während der Arbeit sei er im Bann einer Wetterwand, die Roman heißt. Von Claus Clemens

Als der Neusser Bürgermeister Reiner Breuer auf das Alter von Martin Walser zu sprechen kam, hob der 1927 geborene Schriftsteller abwehrend die Hände. "Doch, man muss das sagen, so eine Reisestrapaze im 90. Lebensjahr ist eine Leistung", entgegnete Breuer. Und was für eine Leistung! Mit seinem neuen Roman "Ein sterbender Mann" hat Walser eine Lesereise von über 40 Terminen hinter sich. Beifall im ausverkauften Foyer des Rheinischen Landestheaters, als er jetzt das Podium seiner Lesestation Neuss betrat. Es war die Auftaktveranstaltung zur vierwöchigen Reihe "Neuss liest Martin Walser".

Der berühmte Gast zeigte sich gehörig beeindruckt. "Neuss übertrifft auf meiner Reise alles, alles Erwartbare", lobte er. "Das kann mich nur in Verlegenheit bringen. Da kann ich nur sagen, hoffentlich geht das gut. Auf jeden Fall übernehme ich für alles die volle Verantwortung." Wieder großer Beifall. Der sich noch begeisterter wiederholte, als Martin Walser nach einer gut halbstündigen Lesung vom Pult wieder zu seinem Sitzplatz ging.

In dem neuen Roman geht es um Verrat unter Freunden, einen Suizidwunsch und eine späte neue Liebe. Keineswegs aber, so der Autor amüsiert auf entsprechende Nachfrage, um sein eigenes Lebensende oder auch nur um den eigenen Abschied vom Schreiben. Im Buch, dessen Anfang Walser las, ist es der 72-jährige Theodor Schadt, einst erfolgreicher, nun krachend gescheiterter Unternehmer, der nicht mehr leben mag. Im Münchner Tangoladen seiner Frau Iris führt er lustlos die Kasse, während die Kundinnen Spezialschuhe ("Stilettos, neun Komma fünf Zentimeter") und andere Accessoires erstehen. Als sich Schadt bei einem Suizidforum einloggt, bekommt er rasch Antwort von einer Frau mit dem Decknamen "Aster". Diese nennt ihre Selbstmordabsicht "irreversibel", ein Wort, das Schadt fasziniert: "Irreversibel hat einen Zauber, dem ich nicht widerstehen kann." All das erfährt der Leser nicht als unmittelbar erzählte Handlung. Die Hauptfigur Schadt schreibt einen langen Brief an einen berühmten Schriftsteller. Schadt berichtet darin, er referiert und zitiert, etwa seine Blogeinträge bei den "Suizidalen".

Tatsächlich hat auch der reale Martin Walser ein solches Suizidforum erkundet und eine Antwort von "Aster" erhalten. Die heißt im wirklichen Leben Thekla Chabbi, ist 47 Jahre alt und lebt als Sinologin und Übersetzerin in München. Man lernte sich kennen und gegenseitig wertschätzen. Jetzt begleitet Thekla Chabbi den Schriftsteller auf seiner Lesereise, ist ihm eine wertvolle Stütze und liest jeweils ein Kapitel aus dem Roman. Mehr noch: Der Autor dankt ihr in einer Widmung für ihre "schöpferische Mitwirkung". Die Tango-Szenen und einiges mehr in der Romanhandlung stammen nämlich von ihr. Als bei der Neusser Lesung ein Tango tanzendes Paar etwas von schwebender Leichtigkeit in den Saal brachte, reagierte Walser erfreut: "Nirgends ist der Tango so dagewesen wie hier."

Im Gespräch mit Moderator David Eisermann zeigte sich dann zum Vergnügen des Publikums die lebenslange Interview-Expertise des Autors. Auf einen filigranen Schwatz über Handlung und Figuren hatte er keine Lust: "Wenn ich einen Roman schreibe, dann weiß ich nie, wie er endet. Sonst müsste ich ihn ja nicht schreiben. Während der Arbeit bin ich im Bann einer Wetterwand, die Roman heißt." Nach diesem furiosen Walser-Einstieg kann man sich auf die weiteren Neusser Lesetermine freuen.

Quelle: NGZ
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