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Neuss
Maschinenbauer für die Ölindustrie

Neuss. Die Neusser Maschinenfabrik Reinartz entwickelt und produziert Maschinen mit der aus Saaten Öle gepresst werden. Weltweit hat der Spezialist etwa 500 Anlagen konzipiert und steigt nun in den Energiemarkt ein. Von Dagmar Fischbach

Wenn Michael Moll mit Laien über die Produkte seines Unternehmens spricht, erntet er oft skeptische Blicke. "Wir stellen Schneckenpressen her. Aber die pressen keine Schnecken", erklärt er. Tatsächlich ist es das zentrale Bauteil, das der Presse ihren Namen gibt: die Schneckenwelle. "Das Herzstück unserer Maschinen", sagt Michael Moll.

Der 46-Jährige ist geschäftsführender Gesellschafter der Maschinenfabrik Reinartz. 1853 als Schlosserwerkstatt gegründet, produziert Reinartz seit 1913 an der Industriestraße im Neusser Hafen Pressen und Filtrationsanlagen für die Ölindustrie. Mittlerweile sind die Neusser Marktführer im Bereich Kaltpressverfahren.

Weltweit hat die Firma Reinartz, die in Neuss 30 Mitarbeiter beschäftigt, rund 500 Anlagen konzipiert. Die ersten Maschinen wurden schon in den 1950er Jahren nach Indonesien, in den Iran, den Sudan und die Türkei geliefert. Heute laufen Reinartz-Maschinen in Europa, Asien, Lateinamerika, Südafrika - und sind alle "Made in Neuss". "Wir machen fast alles selbst. Nur wenige große Teile kaufen wir zu. Ausschließlich bei Lieferanten in maximal 50 Kilometern Entfernung", betont Moll.

In der Werkshalle fräsen, schleifen und schrauben rund 20 Männer an den bis zu 22 Tonnen schweren und bis sechs Meter langen Maschinen. Die Pressen zur Herstellung kaltgepresster (nativer) Öle sind heiß begehrt. Auch die Anlagen zum Herausfiltern der Saat-Rückstände sind gefragt. "Die Auftragslage ist im Moment sehr gut", sagt Moll zufrieden.

Damit das so bleibt, erarbeiten er und sein Partner Niklas Stadermann mit ihrem Team immer neue Konzepte für die Neusser Maschinenfabrik. So presst Reinartz zum Beispiel die einst als Abfall entsorgten Hülsen der Sonnenblumen-, Raps oder Sesam-Saaten zu sogenannten Kuchen, die als Tierfutter verwendet werden. Mit der Entwicklung einer mobilen Pressanlage zur Ölgewinnung aus Jatropha-Nüssen stieg Reinartz vor rund sieben Jahren in den Energiemarkt ein. Die Jatropha-Pflanze wächst auch auf extrem kargen Böden und ist wichtiger Treibstoff-Lieferant in afrikanischen Ländern. Mit seiner CompaqTropha hat Reinartz eine Maschine entwickelt, die pro Stunde rund 400 Kilo Saat verarbeitet und durch Kombination von zwei Schneckenpressen ihren eigenen Strom erzeugt. Damit kann die Ernte direkt vor Ort verarbeitet werden. Die oft langen Transportwege aus den ländlichen Regionen entfallen.

Jüngster Coup der Neusser Maschinenbauer ist nun die Weiterentwicklung vom Pressen- und Filter-Experten zum Spezialisten für Trennverfahren. "Die Anregung bekamen wir von einem Kunden. Er suchte eine Möglichkeit, sein Holz zu entwässern und fragte uns, ob unsere Pressen das leisten könnten. Wir hatten keine Ahnung und probierten es einfach aus", erzählt Moll. Frei nach dem Motto "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt", habe man eine der rund 100 000 Euro teuren Maschinen mit Holzresten gefüttert. "Der Versuch hätte uns sehr teuer zu stehen kommen können - aber es hat tatsächlich funktioniert", so Moll. Die so getrockneten Abfallprodukte aus Schreinereien lassen sich zu Pressspanplatten verarbeiten oder als Pelletts zur Wärmegewinnung einsetzen.

Im Bereich Energie sieht Moll großes Potential für seine Firma. "Wir arbeiten mit verschiedenen Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft an Trocknungsverfahren zum Beispiel für Laub oder Gräser. Sie werden dann zu Pellets verdichtet und liefern Energie", erklärt er. Noch sei die Gewinnung von Wärme und Strom aus Rasenschnitt im Versuchsstadium. Doch gäbe es bereits Interessenten aus aller Welt für die Brennstoffe der Zukunft.

Quelle: NGZ
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