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Neuss
Mein Leben mit HIV

Neuss: Mein Leben mit HIV
Michael (l.) im Gespräch mit seinem behandelnden Arzt Dr. Stefan Scholten. Gemeinsam wollen sie im Rahmen von Videos und Berichten Betroffenen Mut machen, über die Erkrankung aufklären und Stigmata abbauen. FOTO: Janssen-Cilag
Neuss. Im Jahr 1992 erhielt Michael die Diagnose HIV-positiv. Auch dank moderner Medizin gab der 59-Jährige die Hoffnung nie auf - nun ist er Gesicht einer Betroffenen-Initiative des Neusser Pharmaunternehmens Janssen. Von Bärbel Broer

An seine Verzweiflung kann sich Michael noch sehr gut erinnern: "Ein Abgrund tat sich vor mir auf. Ich fiel in ein Loch und der Sturz wollte kein Ende nehmen." 1992 war das - ein Jahr nach dem Tod von Freddie Mercury, der vor 25 Jahren an den Folgen seiner Aids-Erkrankung gestorben war. Michael ist mittlerweile 59 Jahre alt, bezeichnet sich selbst als "Langzeitüberlebenden" und sagt im Brustton der Überzeugung: "Mir geht es körperlich und seelisch gut." Weil er zeigen will, dass ein Leben mit der Diagnose "positiv" auch positiv sein kann und nicht nur traurig, hat er der Initiative "Mehr leben im Leben" des Neusser Pharmaunternehmens Janssen ein Gesicht gegeben. Gemeinsam mit seinem behandelnden Arzt Dr. Stefan Scholten will er im Rahmen von Videos und Berichten anderen Betroffenen Mut machen, über die Erkrankung aufklären und Stigmata abbauen. "Bislang kann HIV nicht geheilt werden", so der Infektiologe Scholten. "Unbehandelt ist HIV tödlich. Aber heute muss niemand mehr daran sterben." Er sei weit davon entfernt, einen pharma-getriggerten Zwangsoptimismus verbreiten zu wollen, sagt Scholten. "Aber die moderne Medizin ermöglicht mittlerweile ein relativ normales Leben." Vorausgesetzt, der Patient halte sich strikt an die Medikamenteneinnahme. "Die Einnahmetreue muss bei 98 Prozent liegen."

Für Michael längst eine Selbstverständlichkeit. "Ich habe mal gezählt, wie viele Tabletten ich nehmen musste: Ende der 90er Jahre waren das 1450 im Monat", erzählt der gelernte Raumausstatter, der seit 1995 in Frührente ist. Heute müsse er nur noch vier Tabletten täglich einnehmen. Auch diese nicht nebenwirkungsfrei - aber er könne damit umgehen, so Michael. Seinen körperlichen und seelischen Tiefpunkt hat er längst überwunden. Geholfen hat ihm dabei, sein Leben aufzuschreiben. "Ich habe erkannt, dass der Körper nicht heilen kann, wenn die Seele nicht gesund ist. Scholten weiß um die große psychische Belastung seiner Patienten: "Für sie brechen Welten zusammen - manche sind sehr gefährdet." Deshalb sei nicht nur bei Diagnose-Stellung - sondern grundsätzlich - eine empathische, authentische und vor allem nicht verletzende Gesprächsführung wichtig. Denn HIV-Infizierte hätten im Alltag immer noch stark gegen Stigmata zu kämpfen.

Scholten ist einer von etwa 300 Medizinern in Deutschland, die sich auf die Behandlung von HIV spezialisiert haben. "Als schwuler Mann hat mich das Thema HIV immer begleitet", erzählt er. Zunächst hatte er als Schiffsarzt bei der Marine, später am Bundeswehr-Zentralkrankenhaus in Koblenz in der Unfallchirurgie und Verbrennungsmedizin gearbeitet. Als er sich als Allgemeinmediziner in Köln niederlassen wollte, stand für ihn fest: "Ich wollte spezialisiert arbeiten, aber Medizin für Menschen machen."

Die HIV-Therapie ist in Deutschland auf einem hohen Niveau. "90 Prozent der bekannten Patienten werden behandelt, 90 Prozent sind durch die Kombinationstherapie unter der Nachweisgrenze", zählt Scholten die Erfolge auf. Aber: "Auch in Deutschland sind die laut WHO-Empfehlung 90 Prozent der Infizierten nicht erkannt."

Deshalb appelliert er an seine Kollegen, auch bei Heterosexuellen, die unspezifische Symptome wie Fieber- und Gliederschmerzen, Durchfall, Hautausschläge oder Lymphknotenschwellungen haben, an die Möglichkeit des HIV-Schnelltests zu denken. Scholten: "Schließlich gibt es etwa 12.600 Menschen in Deutschland, die nichts von ihrer HIV-Infektion wissen."

Quelle: NGZ
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