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Dr. Joachim Gutzke
Messies - einsam unter Müll

Dr. Joachim Gutzke: Messies - einsam unter Müll
Dr. Joachim Gutzke hält morgen um 19 Uhr im St.-Alexius-/St.-Josef-Krankenhaus (Nordkanalallee 99) einen Vortrag mit dem Titel "Einsam unter Müll". FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Dr. Joachim Gutzke, Psychiater und Oberarzt am Augustinus-Memory-Zentrum, spricht über das Messie-Syndrom.

Herr Gutzke, wo hört das Sammeln, das Nicht-Wegwerfen können auf - und wo fängt eine Krankheit an?

DR. Joachim Gutzke Die Grenze ist fließend. Es gibt das hobbymäßige Sammeln, Briefmarken, Streichholzschachteln oder ähnliches. Krankhaft wird es, wenn der eigene Bewegungsraum eingeschränkt ist. Ein weiteres Indiz ist eine so unaufgeräumte oder verdreckte Wohnung, dass sich Ungeziefer ansiedelt. Vielfach, aber nicht immer, leiden die Betroffenen darunter.

Ist es also erst eine Krankheit, wenn die Betroffenen darunter leiden?

Gutzke Es gibt Patienten, die dieses Sammeln als normal ansehen oder ihm gleichgültig gegenüberstehen. Das ist bei Alkohol- oder anderen Suchtkranken oft der Fall, auch bei Schizophrenie - also im Rahmen eines Wahns. Für diese Menschen erscheint all das normal und richtig. Ich habe erlebt, dass Depressive sehr stark unter dem Messie-Dasein leiden, sich schämen und versuchen, es zu verbergen. Es gibt einen Teil, bei denen man es nicht als Krankheit erkennen kann, in anderen Fällen ist es offensichtlich.

Morgen halten Sie einen Vortrag über das Syndrom. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Gutzke Es geht ja durch sämtliche Medien, es gibt reißerische Artikel oder Sendungen darüber. Ich bin auch durch Nebenbefunde meiner Patienten darauf gestoßen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass in der Regel eine psychische Krankheit dahintersteckt und es verschiedenste Ursachen gibt. Dazu gehört auch Demenz: Die Menschen kaufen einfach immer weiter ein und vergessen, dass sie schon einkaufen waren.

Gibt es den "gepflegten Messie"?

Gutzke Ich kenne eine Frau, bei der man sich nicht vorstellen kann, dass sie ein Messie ist. Ich sollte ein Gutachten erstellen und habe mir Fotos ihrer Wohnung angesehen, in der sich der Müll halbmeterhoch stapelte. Sie selbst war ordentlich und gepflegt, man hat aber gemerkt, dass sie schwer depressiv war.

Kann diese Unordnung auch die Ursache einer Depression sein?

Gutzke In allen Fällen, die ich kenne, ging die Depression dem Messie-Syndrom voran. Diese Menschen waren so antriebs- und schwunglos, dass sie ganz einfach nicht mehr in der Lage waren, ihre Wohnungen aufzuräumen.

Was sammeln die Betroffenen?

Gutzke Alles. Ich kenne Wohnungen, in denen nur eine Herdplatte frei war, ansonsten standen Puddingtüten, Flaschen herum. Dinge, die man noch brauchen konnte - aber es war eben komplett vollgestellt. Eine andere Person hat Teddybären gesammelt, dass man darin waten konnte. Das war ein Grenzfall, weil sich das Sammeln auf die Teddys beschränkte und die Wohnung sauber war. Es gibt auch Messies, die aus weltanschaulich-philosophischem Hintergrund sammeln: "Die Ressourcen werden knapp" oder "Das hat ein Mensch gemacht, das darf man nicht einfach wegwerfen".

Was führt dazu, dass Menschen glauben, all diese Dinge zu brauchen?

Gutzke Ein Artikel dazu in einem Fachblatt war übertitelt mit "Löcher in der Seele stopfen". Es geht um Verlustängste, sich an Gegenstände zu klammern - auch stellvertretend für Erlebnisse.

Wie kann man Betroffenen helfen?

Gutzke Heimlich Dinge zu entsorgen wird zu Aggressionen und Ängsten führen - das ist nur die letzte Möglichkeit. Man muss zeigen, dass man Verständnis, aber auch eine andere Sichtweise hat: "Ich finde es nicht normal, wie es hier aussieht." Man muss sie motivieren, zum Arzt zu gehen und sie dabei auch unterstützen - ansonsten kann es sogar gefährlich werden.

OLIVER BURWIG FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: NGZ
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