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Neuss
Mit Musik geht immer alles besser

Neuss: Mit Musik geht immer alles besser
Die Party in der Bar der Capulets ist im vollen Gange. Noch ahnt keiner, dass Juliet (r.) bei dieser Gelegenheit ihren Romeo kennenlernt. FOTO: Christoph Krey
Neuss. Das Watermill Theatre Newbury ist mit zwei Inszenierungen beim Shakespeare-Festival zu Gast: "Romeo and Juliet" und "The Twelfth Night". Beide Aufführungen wurden von Theaterchef Paul Hart inszeniert und überzeugen.

Afterwork-Party im Globe - so klingt es, während die Zuschauer noch hereinströmen, gar nicht darauf eingestellt sind, dass das Stück womöglich begonnen hat. Na ja, so richtig hat es das auch nicht. Obwohl: Songs wie "Take me to Church", "Sweet Dreams (are made of this)" oder "Shape of you" sind eine wunderbare Ouvertüre für die Tragödie von "Romeo und Julia", die Regisseur Paul Hart für sein Watermill Theatre in eine Bar verlegt hat.

Irgendwas zwischen schick und schmuddelig ist das Ambiente im "Capulet's". Ein roter Schriftzug verrät den Namen, die jungen Besucher tragen lässige Hoodies, bedruckte T-Shirts oder enge Jeans. Singen, spielen Gitarre oder Schlagzeug, immer geht es um die Liebe. Bis es zu einer Schlägerei kommt.

Orsino genießt einen Moment des Glücks inmitten seiner Musiker. Noch, denn den Brief seiner heißgeliebten Olivia hat er noch nicht zu Ende gelesen. FOTO: Christoph Krey

Zwei Gangs treffen aufeinander, mit zwei aggressiven Anführern: Thybalt und Mercutio. Der eine gehört zu den Capulets, der andere zu den Montagues, zwei verfeindeten Familien, deren Fehde nichts und niemanden in ihrem Umfeld unberührt lässt. Nur drei Tage braucht es, um sie für einige (und auf beiden Seiten) tödlich enden zu lassen.

Im Ablauf hält sich Hart an Shakespeare, aber er verlegt das Stück ins Heute, beschränkt sich auf die Schlüsselfiguren. Vater Capulet ist der Bar-Besitzer, selbstgefällig und ein bisschen schmierig, die Mutter trinkt und hat wenig zu melden, Tochter Julia ist eine tolle Sängerin, die Amme ihre mütterliche Managerin. Julias Möchtegern-Ehemann Paris sieht aus wie der Jugendliche aus gutbürgerlicher Familie, Pater Lawrence wie ein Wanderprediger. Und die Montagues - Romeo und seine Freunde, der ironische, aber auch besonnene Benvolio und der aggressive Mercutio - sind Underdogs, Punker. Zumindest ein bisschen. Romeos Eltern gibt es auch, aber haben keine große Präsenz.

Harts Inszenierung hält sich strikt an diese zeitgenössische Ausrichtung. Die Karte für die Party in der Bar hängt an einem Schlüsselband, die Masken passen zu Horrorfiguren oder Anonymous. Und dass Benvolio und Pater Lawrence von Frauen gespielt werden, gerät über das intensive Spiel der jungen Truppe, die auch tanzen und singen kann, in Vergessenheit. Die Musik bleibt ein sinnvolles und wesentliches Element dieser Inszenierung, aber Hart setzt im Spielverlauf klugerweise nicht mehr auf Charthits, sondern geht sparsam mit Melodiefolgen, dem Einsatz von Schlagzeug und Gitarren um. Das zehnköpfige Ensemble wird dann zum Chor, der die Tragödie auf seine Weise kommentiert (und dafür den Hoodie überzieht).

Aber vor allem überzeugt die Lesart des Spiels: Romeo und Julia wirken wie zwei junge Leute, die von ihren eigenen Gefühlen überrannt werden. Ob sie ohne den Druck ihrer Umgebung wirklich geheiratet hätten? Die Frage bleibt unbeantwortet. Dass sie überhaupt (unterschwellig) da ist, ist eine logische Konsequenz aus der Übertragung des Stücks in eine heutige westliche Welt. In der kaum ein Vater seine 14-jährige Tochter zu einer Heirat zwingen könnte.

Einen Abend später ist aus Romeo Sebastian (Stuart Wilde) geworden, aus Juliet Olivia (Aruhan Galieva), aus Thybalt Malvolio (Peter Dukes), aus Benvolio Maria (Victoria Blunt), aus Mercutio Feste (Offue Okegbe), aus Mutter Capulet Antonia (Emma McDonald), aus der Amme/Managerin Toby Belch (Lauryn Redding), aus Vater Capulet Herzog Orsino (Jamie Satterthwaite), aus Pater Lawrence Viola/Cesario (Rebecca Lee) und aus Paris Andrew (Mike Slader). Wieder stehen sie in einer Bar, The Elephant heißt sie, aber dieses Mal bestimmt jazziger Klang den Sound und der Geschmack der 1920er Jahre das Ambiente.

Auch die Inszenierung der Komödie "The Twelfth Night" (Was ihr wollt) beginnt Paul Hart mit Musik. Mit "Summertime", "Georgia", "Mad World" oder "Hit the Road Jack" und einem - einem Orchester würdigen - Instrumentarium zeigt das junge Ensemble einmal mehr seine große musikalische Kompetenz - und Hart sein gutes Händchen für dessen Auswahl. Den fliegenden Rollenwechseln zwischen den Musikern der Rahmenhandlung und den Rollen der Komödie bewältigen alle fast mühelos.

Hart ihnen Szenen konstruiert, die auch die Wechsel wie zum Spiel zugehörig erscheinen lassen - etwa von Musik und Stimmung in der Bar zu der nach einem Schiffbruch an der Küste Illyriens gestrandeten Viola. Die Musik macht's: Genauer: Die zunehmenden Misstöne sind es, die erst zu der erstaunten Viola führen und sich dann wieder zu einem Song steigern, als sie erkennt, dass es besser ist, sich im fremden Land als Mann ( namens Cesario) in den Dienst des Landesfürsten zu begeben.

Der heißt Herzog Orsino liebt das Leben in der Bar, die Musik, vor allem aber Olivia. Sie aber will von ihm nichts wissen, was sie ihm erneut in einem Brief mitteilt. Und so leidet Orsino gar fürchterlich. Jammert und klagt mit großer Hingabe, auf eine theatralische Art, dass es ein Vergnügen ist, ihm dabei zuzusehen. In Cesario sieht er einen neuen Liebesboten, der für ihn um Olivia wirbt. Die allerdings verliebt sich in den vermeintlichen Mann, während Cesario/Viola Orsino liebt, der wiederum nicht erkennt, wer da vor ihm steht. Oder doch? Zumindest ist er irritiert, weil seine Hand plötzlich so zärtlich über das Gesicht von Cesario streicht.

Aber feine Zwischentöne im Spiel sind Harts Sache nicht, und so kommt auch das Happy End der Paare etwas holterdipolter daher. Orsino nimmt Viola, deren wiederaufgetauchter Zwillingsbruder Sebastian ist ein Nutznießer der Verwicklungen und bekommt Olivia.

Aber Paul Hart weiß um die Wirkung von Komik und deren In-Szene-setzen. Glänzend gelingt das mit dem stocksteifen Diener Malvolio, der in gelben Strümpfen und Hüftmieder, mit Perücke und Schminke im Gesicht, vor allem in den Bewegungen ein Wiedergänger von Frank N. Furter aus der "Rocky Horror Picture Show" ist. Ebenbürtig ist ihm allemal Toby Belch - als ein Schlawiner wie Falstaff. Tobender Beifall für beide Aufführungen.

Quelle: NGZ
 
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