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Neuss
Mit zwei Meistertiteln auf dem Weg zur Chefin

Neuss: Mit zwei Meistertiteln auf dem Weg zur Chefin
Jenny Klein will die elterliche Bäckerei übernehmen. Dazu gehört Mut, denn die Branche der Handwerksbäcker stirbt einen schleichenden Tod. FOTO: A. Woitschützke
Neuss. Jenny Klein ist Konditor- und Bäckermeisterin. Die 25-Jährige aus Uedesheim hat viel vor. Ein Hausbesuch bei einer Fleißarbeiterin. Von Jan Dobrick

Jenny Klein steht in der Backstube in Uedesheim und jongliert hundemüde mit einer Schwarzwälder Kirschtorte. Vor einer halben Stunde ist sie unsanft von ihrer Mutter Anke geweckt worden, um 14 Uhr, für einen Fototermin mit der Zeitung. Jetzt posiert die Tochter im schokoladenverschmierten Kittel zwischen eingelegten Rosinen und Zuckerguss, lächelt bemüht in die Kamera, während Mama (58) ruft: "So ist das eben in der Backstube, ohne Fleiß kein Preis."

Die 25-Jährige arbeitet oft 60 Stunden pro Woche, aber eben nicht tagsüber um 14 Uhr, sondern zwischen 2 Uhr nachts und mittags. Jenny Klein erzählt ihre Geschichte und gähnt herzhaft zwischen den Sätzen. "Eigentlich drehe ich mich um diese Zeit das erste Mal genüsslich im Bett um", sagt die 25-jährige Konditor- und Bäckermeisterin, die ihren Beruf als Hobby bezeichnet (so kann sie zumindest sagen, sie hätte massig Zeit für Hobbys). Schon als Achtjährige stand die Uedesheimerin viel in der Backstube, hat Erdbeeren gezupft, Spekulatius sortiert, Teig abgewogen. 2007 verwarf sie die fixe Idee einer Zukunft als Kosmetikerin und begann unter den Fittichen ihres Bruders Axel (31) die Ausbildung zur Konditorin.

In den vergangenen Monaten hat Jenny Klein nun Meistertitel gesammelt: erst den als Konditorin, dann den als Bäckerin. Darum gibt es im Sortiment der Bäckerei Klein jetzt die Doppelmeisterkruste, ein herzhaftes Roggenmischbrot. "Ich habe in Köln und Olpe noch mal die Schulbank gedrückt, da gehört schon viel Liebe zum Handwerk dazu", sagt sie. Die Bäckerei Klein gibt es in Uedesheim seit 113 Jahren. Es sollen noch viele Jahre dazukommen, was nicht einfach wird, denn die Branche der Handwerksbäcker stirbt einen schleichenden Tod. "Der Konkurrenzkampf mit den Discountern ist hart", sagt Jenny Klein. Und Mama Anke ruft in den Raum: "Geiz ist nun mal geil. Leider. Wir haben wirklich keine Ahnung, ob es den Betrieb in zehn Jahren noch geben wird."

In der Bäckerei von Familie Klein an der Rheinfährstraße sieht kein Brötchen wie das andere aus, ist eben alles handgemacht. Sie kosten 30 Cent, während der Discounter für ein Aufbackbrötchen deutlich weniger verlangt. "Der Handel wird immer aggressiver. Wir müssen mit Qualität, Kreativität und Service punkten, wenn wir uns über Wasser halten wollen", sagt Jenny Klein, die nicht daran denkt, aufzugeben. Sie fängt ja gerade erst an. Und das, um den Betrieb irgendwann in fünfter Generation zu führen, auch wenn sie in der sich eher düster zeigenden Zukunft weiter um jeden Cent kämpfen wird. Notfalls fände sie mit zwei Meistertiteln in der Industrie einen Job, sagt sie, ist aber wenig begeistert von Plan B - und kommt schnell zurück zu Plan A.

Momentan hat Vater Wiljo Klein (54), der sich im Gegensatz zu seiner Tochter vorhin in die Federn gerettet hat, das Sagen. "Papa würde mir das Geschäft aber am liebsten sofort übergeben", sagt Jenny Klein. "Er ist der Meinung, er habe genug gearbeitet", erklärt die 25-Jährige augenzwinkernd. "Mir ist allerdings lieber, wir warten damit noch ein bisschen." Ihr gefalle es gut, wie es sei. Trotz des Preisdrucks. Trotz knapper Kassen. Trotz eines Geschäfts auf der Kippe. "Wir machen weiter, bis es nicht mehr geht", betont Jenny Klein, gähnt und verabschiedet sich ins Bett. Für den Moment geht es nicht mehr weiter. Aber nur für den Moment.

Quelle: NGZ
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