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Unternehmen in Neuss und Düsseldorf
Als das Diamant-Mehl aus Düsseldorf kam

Diamant-Mehl -  Bilder aus Neuss und Düsseldorf
Diamant-Mehl - Bilder aus Neuss und Düsseldorf FOTO: Stadtarchiv
Neuss/Düsseldorf. Das Mehl mit dem Edelstein war das erste deutsche Haushaltsmehl. An die Pioniergeschichte erinnert in Düsseldorf inzwischen allerdings kaum noch etwas. Von Semiha Ünlü

Wenn Jürgen Plange über die Plange Mühle erzählt, wird sie doch noch einmal lebendig - die Geschichte von der Mühle im Hafen, wo einst das bekanntestete Mehl der Region produziert wurde: das mit dem Diamant-Logo, mit dem man sogar Pioniergeschichte schrieb, als man es in haushaltsgerechten Zweieinhalb- beziehungsweise später dann auch in Ein-Kilo-Verpackungen vertrieb.

"Dabei war das mit dem Diamanten eine Frechheit meines Urgroßvaters", sagt der 63-Jährige und zeigt auf den Edelstein hoch oben auf dem Uhrenturm der ehemaligen Mühle, einem der wenigen Überbleibsel in der Weizenmühlenstraße. Denn erst hatte Georg Plange sein Mehl stolz unter dem Namen Kaisermehl verkauft, weil er 1873 auf der Weltausstellung in Wien für die besonders gute Qualität seines Mehls die große Kaiserlich-Königliche Qualitätsmedaille erhalten hatte und ein Fan von Kaiser Wilhelm I. war.

Als dann aber Kaiser Wilhelm II. 1890 Reichskanzler Bismarck entließ, war Schluss mit der Kaiserliebe: Plange nannte sein Mehl um in Diamant-Mehl. Und auf den preußischen Bronzeadler mit Krone und Zepter auf seinem Uhrenturm ließ er eine Lampe in Form eines Diamanten setzen. "Das war damals ein ziemlicher Affront, der Kaiserkrone noch einen Diamanten draufzusetzen!", sagt Jürgen Plange.

In einer Backstube wurde das Mehl getestet

Der 63-Jährige muss nicht lange auf Schwarz-Weiß-Fotos in den privaten Fotoalben oder auf die wenigen Gebäudeteile der ehemaligen Mühle schauen, um sich an die großen Zeiten des traditionsreichen Familienbetriebs zu erinnern, die 1775 in Soest mit einer kleinen Wassermühle begann und ab 1905/1906 mit dem Bau der Mühle im Düsseldorfer Hafen eben teilweise und auch maßgeblich dort spielte. "Ich habe schon als Kind viel Zeit dort verbracht", sagt Plange, der in der Nachfolgerfirma als Prokurist arbeitet, die ihren Hauptsitz inzwischen in Neuss hat.

Mit drei Jahren nahm Vater Kurt ihn zum ersten Mal mit ins Mühlenwerk im Hafen: "Damals war hier alles lauter, Lkw wurden be- und entladen, Dampfmaschinen mit Generatorenantrieb arbeiteten fast rund um die Uhr, über einen großen Schornstein zogen die Abgase aus dem Heizwerk ab und überall gab es Paletten voll Mehl, Rampen, an denen das Mehl verladen wurde, und Silos, die mit Getreide gefüllt waren."

In mehreren Meter hohen Buchstaben stand Diamant-Mehl auf den Fassaden. Immer wieder duftete es in der Weizenmühlenstraße nach selbstgebackenem Brot und Gebäck: Denn in einer Backstube wurde die Qualität des Mehls getestet und das Gebäck dann an die Mitarbeiter verschenkt. Als Jugendlicher half Jürgen Plange vor Ort aus, anfangs zum Beispiel in der Poststelle. "Einmal steckte ich dann aber auch bis zum Bauch im Mehl", sagt Plange und lacht.

In den 1970er-Jahren kamen dunkle Mehle in die Läden

Dass sich aus dem kleinen Mühlenbetrieb in Soest Europas größte Mühlengruppe mit Standorten in Städten wie Hamburg und eben Düsseldorf entwickeln würde, war noch nicht mal ansatzweise abzusehen, als der Landhändler Georg Plange 1775 eine Wassermühle für die Getreideverarbeitung kaufte.

Doch kluge Vermarktungsstrategien (wie dem Kaiser- und Diamant-Mehl), der hohe Qualitätsanspruch (die heute als DIN-Norm geregelte Mehltypenregelung geht maßgeblich auf die Müller-Familie zurück) und Innovationen (Einsatz auch von Dampfmaschinen, Verpackung des Mehls in haushaltsgerechten Baumwoll-Säcken, ab den 1920er Jahren dann auch in Ein-Kilo-Papiertüten) sicherten den Erfolg.

Ab den 1970er Jahren wurden auch fertige Brotmischungen vertrieben. Im Jahr 1982 brachte Jürgen Plange dann seine eigene Erfindung auf den Markt: dunkle, rustikale Haushaltsmehle im Lebensmittelhandel. Rezepturen, die er mit einem Bäckermeister entwickelte und leicht verständlich formulierte, sollten den Kunden beim Backen mit dem unbekannten Weizen- oder Roggenvollkornmehl helfen.

In den Hochzeiten - den 1920er Jahren - arbeiteten im Düsseldorfer Werk 600 Mitarbeiter. Bis zu 1000 Tonnen Weizen wurden an der Weizenmühlenstraße jeden Tag verarbeitet. Wenn der Diamant während des Zweiten Weltkrieges hoch oben auf dem Uhrenturm leuchtete, wussten die Düsseldorfer in der Altstadt und in Oberkassel, dass keine Luftangriffe drohten und sie sich draußen aufhalten konnten. Denn auf dem Dach der Mühle gab es beste Sichtbedingungen für die Flakbeobachter: Drohte ein Luftangriff, wurde die Lampe in Form des Diamanten ausgeschaltet. Das war das Signal an die Flakhelfer, sich bereitzumachen, und für die Zivilbevölkerung, sich in Sicherheit zu bringen. Bis zum Ende des Krieges wehte auf dem Gelände "keine Nazi-Flagge, weil mein Großvater die Nazis hasste", sagt Jürgen Plange.

Heute sind auf dem Areal an der Weizenmühlenstraße Parkplätze und verschiedene Geschäfte und Büros, zum Beispiel für Mode und Küchen. "Schade, früher gab es hier ein Tor mit unserem Firmenwappen, das von einem Künstler gebaut wurde. Ich dachte, das hätte man dort gelassen", sagt Plange, der in siebter Generation im Mühlengeschäft tätig ist, das aber nicht mehr im Besitz der Familie ist. Die Rechte an dem Markennamen Diamant wurden 2015 an Good Mills verkauft.

Heute wird das mittelständische Unternehmen Georg Plange mit Sitz im Neusser Hafen als Zweigniederlassung der PMG Premium Mühlen Gruppe geführt, die zu den größten und marktführenden Mühlenbetrieben in Deutschland gehört; zuvor gehörte es zum Werhahn-Konzern. Rund 130 Mitarbeiter werden beschäftigt, mehr als 300 Produkte hergestellt.

Demnächst will man sich auch von der Mühle in Duisburg trennen: Die Produktion soll nach Neuss verlagert werden. Vor einigen Wochen schaffte es die Plange Mühle, die die Familie Mitte der 1990er aufgebeben hatte, doch noch einmal in die Nachrichten: Ein Investor will die leerstehenden Getreidesilos, die unter Denkmalschutz stehen, in ein siebengeschossiges Büro- und Geschäftshaus umwandeln und eine Orthopädie-Klinik mit angegliederter radiologischer Praxis einrichten.

Jürgen Plange kann sich das noch nicht so recht vorstellen, zumal die Silos nicht einmal Fenster oder gar Geschosse haben. So geht es auch den zuständigen Politikern der Bezirksvertretung 3. Als die Bauvoranfrage eingereicht wurde, wurde eine Animation darüber, wie das alles mal aussehen könnte, nicht mitgereicht. Dass die Silos wieder genutzt werden sollen, kam bei den Bezirkspolitikern aber wiederum gut an.

Auch wenn die Geschichte der Plange Mühle schon lange nicht mehr in der Weizenmühlenstraße, sondern vor allem in Neuss geschrieben wird, verfolgt Jürgen Plange die Ideen zur Weiterentwicklung des Düsseldorfer Hafens immer noch mit großem Interesse. Manchmal sorgten die Nachrichten für ein Kopfschütteln, sagt er. Wie zum Beispiel die über den Bau von Wohntürmen am Landtag. "Wir waren immer strikt gegen eine Wohnbebauung im Hafen, wollten, dass vor allem der Wirtschaftshafen gestärkt wird", sagt der Prokurist.

Da die Stadt vor Ort aber andere Pläne hatte, habe man sich dann schweren Herzens nach gut 90 Jahren für die Aufgabe des Standortes entschieden: "Eigentlich wollten wir investieren und ausbauen, doch die Stadt wollte uns keine Investitionssicherheit geben, uns nicht versprechen, dass wir etwa auch weiterhin wie gewohnt vor Ort arbeiten konnten."

An die Pioniergeschichte, die einst auch in der Plange Mühle im Hafen geschrieben wurde, erinnern in der Weizenmühlenstraße eigentlich nur noch der Straßenname und die denkmalgeschützten Backsteingebäude und Beton-Silos. Und natürlich der Diamant hoch oben auf dem Uhrenturm, auch wenn er schon seit langem nicht mehr leuchtet. Ein Stück Geschichte nehmen die Düsseldorfer aber immer wieder aber auch mit zu sich nach Hause: Wenn sie im Discounter ein Kilo Mehl mit dem Diamant-Logo kaufen.

Quelle: NGZ
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