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Haltestellen im Test
"Von barrierefrei kann hier noch keine Rede sein"

Fotos: Test: Wie barrierefrei sind Neusser Haltestellen?
Fotos: Test: Wie barrierefrei sind Neusser Haltestellen? FOTO: Laura Sandgathe
Neuss. Die Stadt Neuss will nach und nach immer mehr Haltestellen barrierefrei machen. Einige sind bereits umgebaut. Wir haben getestet, wie gut ein sehbehinderter Mensch hier zurechtkommt. Von Laura Sandgathe

Ernst Balsmeier geht langsam über die Bushaltestelle "Stifterstraße" an der Weberstraße. Mithilfe seines Langstocks tastet er über den Boden, erkennt die Bordsteinkante und das Wartehäuschen. Die extra aufgestellte Säule, an der man sich per Knopfdruck die nächsten Verbindungen ansagen lassen kann, findet er alleine nicht. Nach einigen Minuten fällt er ein Urteil: "Von barrierefrei kann hier keine Rede sein".

Balsmeier ist erster Vorsitzender des Sehbehinderten- und Blindenvereins für den Rhein-Kreis Neuss und engagiert sich für Betroffene und deren Angehörige. Seine eigene Sehkraft ist stark eingeschränkt. Als Mitglied des Arbeitskreises "Barrierefreiheit" gibt er Empfehlungen an die Politik - auch zur Gestaltung von Haltestellen.

Für Rollstuhlfahrer gut - für Sehbehinderte gefährlich

An der Stifterstraße fallen ihm einige Dinge auf. Im Sinne der Barrierefreiheit verfügt die Haltestelle über einen erhöhten Bürgersteig. Er ist statt der standardmäßigen sechs Zentimeter 18 Zentimeter hoch. Das hilft Rollstuhlfahrern, denn der Bürgersteig ist so auf der gleichen Höhe wie der Einstieg in den Bus. "Was für die Rollstuhlfahrer gut ist, ist für sehbehinderte Menschen sehr gefährlich", sagt Balsmeier. "Wenn Sie einen Höhenunterschied von 18 Zentimetern passieren, ohne etwas zu sehen, fühlt sich das an, als würden Sie eine Stufe hinunterstürzen." Die Bordsteinkante ist weder durch ein sogenanntes taktiles Element auf dem Boden, wie ein Noppenfeld, gekennzeichnet, noch gibt es eine optische Kennzeichnung durch einen kontrastreichen Anstrich. Balsmeier ertastet sie mit seinem Langstock. "Es gibt viele sehbehinderte Menschen, die den Stock nicht mitnehmen, wenn sie aus dem Haus gehen, zum Beispiel, weil sie sich schämen", sagt er.

In der Bilderstrecke sehen Sie, welche Details der getesteten Haltestellen barrierefrei sind - und welche nicht.

An der Haltestelle "Schulzentrum", die sich einige Meter weiter auf der Weberstraße befindet und die von der Stadt als Vorzeigebeispiel in Sachen Barrierefreiheit genannt wird, flacht der Bürgersteig von der Haltestelle bis zur Ampel so weit ab, dass er auf der gleichen Ebene liegt wie die Straße. So können Rollstuhlfahrer die Straße überqueren, ohne einen Bordstein passieren zu müssen. "Das kann für sehbehinderte Menschen gefährlich sein, weil wir so nicht erkennen können, wo der Bürgersteig aufhört und die Straße anfängt, sagt Balsmeier. An der Ampel an der Haltestelle "Schulzentrum" gibt es ein Noppenfeld auf dem Boden, das den Übergang vom Bürgersteig auf die Straße anzeigt. 

Keine Kennzeichnung, wo der Bus hält

An der Stifterstraße dagegen fehlen laut Balsmeier an vielen Stellen notwendige taktile Elemente. Auf dem Boden gibt es zum Beispiel keine Kennzeichnung, die anzeigt, wo der Bus hält. Das wäre, so Balsmeier, Standard für eine barrierefreie Haltestelle. "Der Haltestellenbereich ist recht lang", sagt er. Da kann es leicht passieren, dass ein sehbehinderter Mensch an der falschen Stelle wartet und die Bustüre nicht findet.

Der Boden des Haltestellenbereichs ist mit abwechselnd schwarzen und weißen Steinen gepflastert und soll so vom Rest des Bürgersteigs und vom Fahrradweg unterscheidbar werden. Balsmeier wünscht sich einen stärkeren Kontrast. "Am besten ist der Unterschied zwischen gelb und schwarz zu erkennen, das haben Studien gezeigt", sagt er. Zudem werden die weißen Steine durch Abnutzung zunehmend grau und dann für Menschen mit eingeschränkter Sehkraft immer schwieriger zu erkennen.

Informationssäule ist schwer zu finden

Die Säule, die ansagt, welche Buslinien die Haltestelle anfahren und in wie vielen Minuten der nächste Bus kommt, findet Balsmeier grundsätzlich gut. Allerdings fehlt ihm auch hier eine Leitschiene auf dem Boden, die ihm den Weg zur Säule weist. "Woher soll ein Mensch, der nicht sehen kann, sonst wissen, wo die Säule ist?", fragt er. Hilfreich wäre zudem, wenn die Säule ein Geräusch machen würde, wie es Blindenampeln tun. 

Das Fazit: In Sachen Barrierefreiheit wurde an den getesteten Haltestellen schon etwas getan. Es gibt aber noch Luft nach oben. Balsmeier würde sich wünschen, dass die Verwaltung ihn und die anderen Vertreter von Menschen mit Beeinträchtigung noch stärker in Planung und Umsetzung einbeziehen würde. Zum Beispiel hätte er gern eine Liste, welche Haltestellen bereits umgerüstet sind und welche demnächst umgebaut werden sollen. Er weiß aber auch, dass es für die Planer schwierig ist, den unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. "Was für Rollstuhlfahrer gut ist, wie der erhöhte Bordstein, kann für Sehbehinderte gefährlich sein und andersherum. Da gibt es mitunter konträre Interessen", sagt Balsmeier.

Im Unterausschuss Mobilität der Stadt wurde das Thema barrierefreie Haltestellen Anfang der Woche besprochen. Beim Um- und Neubau der Haltestellen halte man sich an den vom Landesbetrieb Straßen.NRW herausgegeben Kriterienkatalog, heißt es dort. Außerdem werde Max Fischer, Beauftragter der Stadt Neuss für Menschen mit Behinderungen in die Planungen miteingezogen. Auch mit dem Arbeitskreis Barrierefreiheit, in dem Ernst Balsmeier sitzt, stehe man im Austausch.

(lsa)
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