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Heinz Günther Hüsch
"Neuss schöpft sein Potenzial nicht aus"

Heinz Günther Hüsch: "Neuss schöpft sein Potenzial nicht aus"
Heinz Günther Hüsch (88, CDU), "Altmeister" des politischen Neuss. FOTO: Woi
Neuss. Ehrenvorsitzender der Heimatfreunde startet einen Weckruf: Stadt verliert Boden gegenüber den benachbarten Kommunen.

Herr Hüsch, Sie stehen im 89. Lebensjahr. War früher alles besser?

Heinz Günther Hüsch Nein, natürlich nicht. Es geht auch nicht ums sture Bewahren und weiter so wie bisher, sondern darum, die Zukunft zu gestalten. Dafür ist es aber hilfreich, hinzuschauen, was Neuss stark gemacht hat. Ich meine den Bürgersinn, mit dem die Neusser Verantwortung in und für die Gesellschaft übernehmen. Diese Lebensart manifestiert sich im Schützenwesen und im Schützenfest.

Das Regiment marschiert Jahr für Jahr in Rekordstärke auf. Auch in zwei Wochen. Was sorgen Sie sich da?

Hüsch Das Schützenfest läuft. Es ist ja letztlich der Leuchtturm des Neusser Bürgersinns. Der muss aber immer aufs Neue gelebt, vorgelebt werden. Für diesen Bürgersinn muss Beispiel gegeben werden. Wer tut das denn noch von unserem Spitzenpersonal im Rathaus? Beigeordnete, Dezernenten und Amtsleiter drohen zu einer Versammlung von grauen Mäusen zu werden. Sie müssen sich in der Bürgergesellschaft engagieren. Auch ehrenamtlich.

Viele Spitzenbeamte, auch Vorstände und Geschäftsführer städtischer Töchter wohnen nicht mehr in Neuss. Diese Entwicklung bekam aber schon in der Zeit von Bürgermeister Herbert Napp Fahrt und im Stadtrat gab es anfangs auch einen CDU-Chef Heinz Günther Hüsch ...

Hüsch Ich habe es immer als falsch angesehen, nicht auf eine Präsenzpflicht der Spitzenbeamten zu bestehen. Der Schaden, der daraus für Neuss entsteht, ist beträchtlich.

Wie meinen Sie das?

Hüsch Ich habe den Sommer genutzt und bin durch die Städte und Gemeinden des Rhein-Kreises gefahren. Kompliment. Was Kaarst und Korschenbroich, aber auch Dormagen und Grevenbroich in den vergangenen Jahren geschaffen haben, ist enorm - städtebaulich und mit Blick auf den Einzelhandel. Ausdrücklich lobe ich Glehn mit seinen kleinen Geschäften und großer Vielfalt. Neuss verliert spürbar an Boden und das wird nicht gut gehen.

Was kann die Zukunftsinitiative ZIN unter ihrem Vorsitzenden Christoph Napp-Saarbourg mehr tun?

Hüsch Ich erkenne an, dass ZIN und Napp-Saarbourg sich bemühen. Wer aber unterstützt sie kommunalpolitisch? Die Frequenz auf dem Hauptstraßenzug ist nach wie vor hoch. Aber finden die Menschen dort auch ein Sortiment, dass ihren Bedürfnissen entspricht? Es ist ein großer Verlust, dass Neuss keinen eigenen Einzelhandelsverband mehr hat. Männer wie Heinzwilli Maassen, Erhard Schiffers oder Ernst Freistühler mögen nicht alles richtig gemacht haben, aber sie gaben dem Neusser Handel eine Stimme. Heute höre ich vom Handel nichts mehr.

Und Schuld ist der erste Neusser Bürgermeister mit SPD-Parteibuch?

Hüsch Meine Kritik mache ich nicht an Reiner Breuer fest. Es ist die Chefetage im Rathaus, die offenbar nicht einmal weiß, welches Potenzial in dieser Stadt steckt. Aber diese Distanz war schon vor Reiner Breuer im Rathaus zu erkennen. Meine Kritik an Breuer ist eine ganz andere.

Nämlich?

Hüsch Dass er seinen Beigeordneten verbietet, mit Stadtverordneten zu sprechen, ist in der Sache nicht gut und schadet den Beigeordneten. So geht Sachverstand verloren. Er ist Bürgermeister der ganzen Stadt, dafür wird er bezahlt, und ich erwarte von ihm mehr Souveränität. Mich stört, dass regionale Außenpolitik bei Reiner Breuer zu einer Art sozialdemokratischer Bezirksversammlung im Rhein-Kreis degeneriert. Er muss mehr Kontakte nach Köln, Düsseldorf, Mönchengladbach und Krefeld pflegen.

Geld für die Tour-Vermarktung hat dem Bürgermeister Ihre CDU verweigert. War das nicht klein kariert?

Hüsch Die Tour-Durchfahrt ist in Neuss nicht gut vermarktet worden. Die Fernseh-Kommentatoren waren schlecht gebrieft. Ich hätte mir die Tour etwas kosten lassen. Das kleine Büttgen hat dem großen Neuss gezeigt, wie man das macht.

Auch im Alter sind Sie nicht leise. Was treibt Sie, sich noch ein zu mischen?

Hüsch Weil mich um die Zukunft von Neuss sorge, denn in der Stadt passiert zu wenig. Wann ist denn zuletzt, sagen wir in Holzheim, ein städtebaulicher Aspekt gesetzt worden? Diese Stadt hat seit 30 Jahren kein Kunstwerk mehr im öffentlichen Raum aufgestellt. Kultur ist mehr als Museum und Shakespeare-Festival, Kultur ist auch Kirchenchor, Nüsser Schnute und Heimatfreunde. Wir dürfen und müssen Integrationsarbeit bezuschussen, aber bitte auch die Pflege unserer Urheimat nicht vergessen.

Bei so viel Kritik - worauf freuen Sie sich denn da noch?

Hüsch Aufs Schützenfest, obwohl ich mich nach 60 Jahren nun passiv gemeldet habe.

LUDGER BATEN FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: NGZ
 
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