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Neuss
Neusser Epanchoir: Jeder Stein ist ein Unikat

Neuss: Neusser Epanchoir: Jeder Stein ist ein Unikat
Hubertus Müller (r.) und Alois Wingender (M.) mit Klaus Karl Kaster.
Neuss. Kölner Steinmetze schneiden in Handarbeit mehr als 150 Steine für die Rekonstruktion der Wasserkreuzung am Nordkanal in Neuss zu. Von Ludger Baten

Vertraut streicht Isabelle Monnerjahn (42) Christus, Pilatus und dem Soldaten übers Gewand. "Sehen sie nicht toll aus?", fragt die junge Frau, um gleich darauf selbst die Antwort zu geben: "Sie haben uns so viel zu erzählen!" Die lebensgroßen Barock-Skulpturen werden bald nach absolvierter Kur gereinigt und ausgebessert an die Fassade einer Bonner Kirche zurückkehren. "Wir lieben alte Gemäuer", formuliert Monnerjahn auf der Internetseite von Denkmalpflege Schorn; sie führt das Familienunternehmen seit sechs Jahren in der vierten Generation. 1886 in der Domstadt Köln gegründet, ist Schorn heute auf die Sicherung und Wiederherstellung denkmalwerter Bauten spezialisiert.

Wer Isabelle Monnerjahn begleitet, spürt, mit welcher Emotionalität und mit welchem Respekt die Architektin Naturmaterialien und alten Gemäuern begegnet. "Gebäude kann man lesen", sagt sie, "sie sind lebendige Geschichte." Steine sind bei ihr und ihren Mitarbeitern in guten Händen. Das gilt für das Barock-Trio aus Bonn. Das gilt aber ebenso für die Steine, die in den Schorn-Werkstätten für die laufende Rekonstruktion des Neusser Epanchoirs vorbereitet werden. "Kompetenz, Qualität und große Liebe fürs Detail - aus diesen Gründen hat die Stadt Neuss diesen Auftrag der Firma Schorn anvertraut", sagt Klaus Karl Kaster, stellvertretender Vorsitzender des Vereins der Freunde und Förderer des Historischen Nordkanals.

Ein Modell zeigt das Epanchoir, wo sich Nordkanal und Obererft kreuzen. FOTO: Berns, Lothar (lber)

Mehr als zehn Jahre arbeiten Kaster und seine Mitstreiter daran, das Wasserkreuzungsbauwerk Epanchoir an der Ecke Nordkanalallee und Selikumer Straße wieder herzustellen. Die Baumeister und Ingenieure Napoleons schufen diese technische Meisterleistung, die eine Kreuzung von Nordkanal und Obererft möglicht macht. Die Franzosen seien für die Organisation von Staat und Gesellschaft im Rheinland durchaus prägend gewesen, sagt Kaster: "Die Ergebnisse tragen bis in die Gegenwart." Im Vergleich dazu sei bauliche Substanz aus der Franzosenzeit selten. "Darum ist es wichtig, dass die Stadt Neuss dieses technische Denkmal französischer Ingenieurkunst erhält."

Die nun laufende Rekonstruktion als technisches Baudenkmal geriet zuletzt allerdings in die Kritik. Der Grund: die Kosten haben sich inzwischen verdoppelt. Gingen die Initiatoren anfangs von einem Gesamtvolumen in Höhe von 600.000 Euro aus, werden heute 1,4 Millionen Euro veranschlagt. Der Förderverein hat immerhin knapp 400.000 Euro an Drittmitteln akquiriert und hat zudem etwa 150.000 Euro an Spenden eingesammelt. Im Herbst soll das ehrgeizige Projekt fertig sein. Dann verfügt Neuss nach Ansicht von Kaster über eine neue Sehenswürdigkeit, die sich als Magnet für die Neusser, aber auch für Ausflügler erweisen werde: "Die meisten Radler, die entlang des Nordkanals unterwegs sind, werden dann sicherlich ein Stopp am Epanchoir machen und sich die Anlage einmal in Funktion ansehen." Dort erwartet sie ein Aussichtspunkt mit Info-Stelen, die dem Besucher die Wasserkreuzung erklären.

Kein Stein gleicht dem anderen: Basaltblöcke stehen zum Einbau bereit. FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Derzeit sind die Steinmetze von Denkmalpflege Schorn in der Baugrube aktiv. Bis Ende Mai sollen die vier Böschungskegel wieder errichtet sein; zwei der Kegel sind gut erhalten. "Es war mehr erhalten als gedacht", sagt Kaster. Dort müssen nur einzelne Steine ausgetauscht werden. Zwei weitere Kegel müssen allerdings fachgerecht neu aufgemauert werden. Insgesamt mehr als 150 eigens für das Neusser Projekt zugeschnittene Steine sind erforderlich. Rundung und Gefälle an der Böschung erfordern Einzelstücke, von denen keines seinem Nachbar gleicht. Das können nur Experten in Handarbeit leisten. Hubertus Müller spricht von "Krümmlingen", wenn er die Neusser Epanchoir-Steine meint. Der Steinmetzmeister bei Schorn hat die Planzeichnungen nach historischem Vorbild ("Ein perfektes Mauerwerk") erstellt. Für jeden einzelnen Stein hat Müller exakt die Maße und Krümmung berechnet; anschließend Schablonen gefertigt, nach denen in der Werkstatt die Unikate produziert werden.

Der verwendete Basalt stammt aus einem Steinbruch in der Eifel nahe Mendig. Dort schneidet der Lieferant Rohlinge, die bis zu 250 Kilogramm wiegen. Einen Tag benötigt Steinmetz Alois Wingender (62), um aus dem Quader einen maßgeschneiderten Epanchoir-Stein für Neuss zu fertigen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Siegfried Schüller (50) schneidet und schleift er in der Schorn-Werkstatt in Koblenz-Bubenheim die Steine. Der Staub wird sofort abgesaugt; Brille, Ohr- und Mundschutz sind dennoch unentbehrlich. Seit 48 Jahren arbeitet Wingender als Steinmetz, seit 1980 für Schorn: "Ich arbeite bis heute mit Herzblut." Übung macht offenbar den Meister. "Die Jungs verschneiden sich nicht", sagt Meister Müller, "die führen die Blätter frei Hand sicher über den Stein."

Seit Wochen ist das Duo ausschließlich damit beschäftigt, die Basaltsteine für das Neusser Epanchoir zu präparieren. Nur noch 35 Rohlinge warten darauf, von ihnen bearbeitet zu werden. Während die Steinmetze, so scheint es, ein Verhältnis zum Stein aufbauen, hat die Chefin als Architektin eher das Gemäuer als Ganzes im Blick. Alle, die bei Schorn engagiert sind, werden zur Epanchoir-Eröffnung stolz sein, dass in der lebendigen Geschichte des Denkmals gelesen werden kann. Lohn? Wenn ein Besucher sagt: "Ist es nicht schön? Es hat so viel zu erzählen."

Quelle: NGZ
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