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Neuss
Niederländische Autorin macht mit Lesung neugierig auf ihren Roman

Neuss. Es gibt Romane, die sich aufgrund ihrer Sprache, ihres Auf- und Satzbaues als sehr sperrig erweisen. "Schwere Kost" also. Es gibt aber auch durchaus anspruchsvolle Romane, die sich - theoretisch zumindest - leicht lesen lassen mit ihren eher kurzen Sätzen und der klaren Sprache, die vor den Augen des Lesers deutliche Bilder entstehen lässt. Ein solches Buch ist "Boy" von der niederländischen Autorin Wytske Versteeg. Sie stellte es jetzt im Rahmen des Literarischen Sommers in der Stadtbibliothek vor. Von Rudolf Barnholt

Dabei ist auch dieser Roman "schwere Kost". Das liegt am Thema. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die ihr afrikanisches Adoptivkind durch Suizid verloren hat. Die Autorin beleuchtet die Psyche der Protagonisten so, dass Traurigkeit als "Nebenwirkung" dieser Lektüre einkalkuliert werden muss.

Nein, der Stoff hat nichts mit ihrer Biografie zu tun. Ja, es geht um Außenseiter der Gesellschaft - und um Trauer. Die Autorin selbst spricht von einer "unbequemen Geschichte". Die 33-jährige Schriftstellerin, die in Delft lebt und arbeitet, gibt aber Entwarnung: Antidepressiva müssen nicht in Reichweite sein, wenn man sich für dieses Buch entscheidet. "Eine Leserin hat mir gesagt, sie habe sich bei der Lektüre zunächst gefühlt wie in einem dunklen Zimmer - das im Laufe der Zeit jedoch immer heller wurde", erklärt Wytske Versteeg.

Vor knapp 50 Zuhörern breitet die Autorin die Gedankenwelt und die Selbstreflektionen der Adoptivmutter, einer Psychologin, die selber keine Kinder kriegen kann, aus. Das ist bedrückend. Wytske Versteeg entschuldigt sich für ihren stark niederländischen Akzent, und für einen Moment scheint es schwierig, ihr zu folgen. Aber nach einigen Minuten verschwinden diese Probleme - die Probleme der Romanfiguren treten dafür umso mehr in Erscheinung.

Sie machen aus "Boy" eine unbequeme, aber zugleich auch verlockende Geschichte unter der Bedingung, dass man als Leser das Bedrückende aushalten kann. Der tote afrikanische Junge bleibt eher anonym, die Autorin verrät nur, dass er von seinen Mitschülern nicht akzeptiert wurde. Bedrückend sind auch die Schilderungen von einem Krankenhausbesuch, als festgestellt wird, dass die Protagonistin keine Kinder kriegen kann. Ihr Körper wird zu ihrem Feind, und sie scheint auch sonst nicht im Reinen zu sein mit sich selbst. Aber ihr sanftmütiger Mann, ein Entwicklungshelfer, der stets an das Gute glaubt, scheint mit dieser schwierigen Frau klarzukommen. Die namenlose Pschologin dagegen erscheint auf fatale Weise völlig ungeeignet zu sein für die Mutterrolle.

Wytske Versteeg verrät, dass ihr neuer Roman bereits fertig ist. Was sie für sich behält: Wie der Roman "Boy" endet, ob es zumindest zum Schluss etwas Versöhnliches gibt.

Quelle: NGZ
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