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Michael Lüders
Ohne Solidarität zu Flüchtlingen keine EU-Finanzhilfe

Neuss. Kaarst "Syrien, Irak und der Islamische Staat (IS) - Wohin steuert der Nahe Osten?" Zu diesem Thema wird Michael Lüders, Nahost-Experte und Publizist, im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Dialog Zukunft - Wie wollen wir leben?" der VHS Kaarst-Korschenbroich am Montag, 21. September, um 20 Uhr in der Rathausgalerie einen Vortrag halten. Der Politikberater hat unter anderem Islamwissenschaften und Politologie studiert.

In der jüngsten Zeit gewinnt man den Eindruck, Deutschland würde von den massiven Flüchtlingsströmen urplötzlich überrollt. Wäre diese Entwicklung früher abzusehen gewesen?

Lüders Durchaus, denn es gibt ja bereits seit Jahren Flüchtlingsströme, die sich in Richtung Italien und Griechenland bewegt haben. Aber jetzt ist eine Welle losgebrochen, die in dieser Heftigkeit niemand vorhergesehen hat.

Woher kommt diese plötzliche Heftigkeit?

Lüders Ganze Staaten zerfallen, Millionen Menschen sehen keine Zukunft mehr in kriegszerstörten Ländern wie Irak, Syrien, Libyen, möglicherweise bald auch im Jemen. Und wenn Menschen nichts mehr zu verlieren haben, sind sie auch bereit, große Risiken einzugehen. 23 Millionen Einwohner hat Syrien, elf Millionen sind auf der Flucht und viele suchen ihr Glück eben in Richtung Europa, vor allem in Deutschland und Schweden.

Sie werden auch von der Bundesregierung als politischer Berater angefordert. Wird Ihr Rat ausreichend beachtet?

Lüders Ich stoße durchaus auf offenes Gehör. Doch die Entscheidungsträger sind vielfach von ganz anderen Motiven geleitet. Es steht immer im Vordergrund, wiedergewählt zu werden, die Stimmung in der Bevölkerung richtig aufzufangen und sich nach Möglichkeit nicht für Lösungen einzusetzen, die sich am Ende als nicht tragfähig erweisen.

Gibt es überhaupt Lösungen, die kurzfristig greifen könnten?

Lüders Nein, die gibt es nicht. Die Flüchtlingskrise wird uns auch in den nächsten Jahren begleiten. Millionen Menschen stehen bereit, den Sprung in Richtung Europa zu versuchen. Hierfür bedarf es einer gemeinsamen europäischen Politik. Es kann nicht sein, dass sich die Länder Osteuropas vollkommen aus der Verantwortung stehlen, Flüchtlinge aufzunehmen. Sie gehören zu den größten Nettoempfängern von EU-Hilfsgeldern. Hier muss man eine klare Verbindung herstellen: Wer sich nicht solidarisch zeigt, dem muss die finanzielle Unterstützung aus EU-Fonds gestrichen werden.

Ist die Bundesrepublik Deutschland nicht schon ein Einwanderungsland?

Lüders Wir müssen grundsätzlich über die Frage einer Einwanderungsgesellschaft nachdenken, die wir de facto längst geworden sind - auch wenn viele dies nicht wahrhaben wollen. Diese Flüchtlingskrise ist in dieser Massivität die größte Herausforderung für die europäische und deutsche Politik seit den 1950er Jahren. Etwas Vergleichbares hat es nicht gegeben. Es ist nur zu hoffen, dass es den Akteuren gelingt, einen Lösungsweg zu beschreiten, der Konfrontationen zwischen Rechtspopulisten und Einwanderern verhindert.

BÄRBEL BROER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: NGZ
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