| 18.51 Uhr

Neuss
Opfer warten auf Anklage

Neuss. Seit fast zwei Jahren liegen Anzeigen gegen einen Turntrainer der TG Neuss vor. Vorwurf: sexueller Missbrauch von kleinen Mädchen. Bis heute ist keine Anklage erhoben worden. Doch jetzt besteht Hoffnung. Von Klaus D. Schumilas

Über einen längeren Zeitraum soll ein Trainer der TG Neuss junge Mädchen während des Turntrainings sexuell missbraucht haben. Diesen Vorwurf haben Eltern im Herbst 2007 erhoben und Anzeige erstattet. Der 55 Jahre alte Trainer ist seitdem nicht mehr für den Verein tätig.

Bis heute ist der Fall nicht vor Gericht gelandet. Olaf K. Das (Name von der Redaktion geändert), Vater eines betroffenen, heute zehn Jahre alten Mädchens, sagt: "Das ist ein Gefühl von Ohnmacht – wir können nicht verstehen, warum die Staatsanwaltschaft nichts unternimmt." Doch jetzt besteht möglicherweise Hoffnung. Die Staatsanwaltschaft hat angekündigt, die Glaubwürdigkeit der Kinder eventuell durch eine andere Gutachterin untersuchen zu lassen.

Das käme Helga Koenemann sehr gelegen. Die Neusser Rechtsanwältin vertritt acht der zehn Opfer, die sich an die Polizei gewandt haben. "Anfang 2009 ist das Verfahren von der Staatsanwalt eingestellt worden. Obwohl, so hieß es, Zweifel an der Unschuld blieben, die aber nicht ausreichend seien." Gegen die Einstellung legte die Juristin Beschwerde ein, der der General-Staatsanwalt im Juli stattgab. Seitdem warten Anwalt und Eltern auf ein erneutes Handeln der Staatsanwaltschaft Düsseldorf.

Sprecher Johannes Mocken sagte auf Anfrage der NGZ: "Der Anwalt des Beschuldigten hat die Gelegenheit, sich zu äußern. Einem Antrag auf Fristverlängerung wurde stattgegeben." Sie endet am 15. Januar. Klar scheint, dass die Staatsanwaltschaft wieder tätig werden muss. Sie überlegt offenbar, die betroffenen Kinder erneut gutachterlich untersuchen zu lassen. Dann aber nicht von der bisherigen Psychologin aus Düsseldorf. Sie soll, so Mocken, möglicherweise "nicht unvoreingenommen" gewesen sein, weil sie zu einem früheren Zeitpunkt schon einmal mit dem Beschuldigten zu tun gehabt haben soll.

Knackpunkt des Verfahrens ist nämlich, so sagt Koenemann, die Stellungnahme der von der Staatsanwaltschaft bestellten Sachverständigen. In allen psychologischen Gutachten zu diesem Fall kommt sie zu dem Ergebnis, dass die Aussagen der Zeuginnen nicht glaubhaft seien. Wie so etwas abläuft, erzählt Elena M. (Name geändert). Die heute 19-Jährige hatte bis 2001 unter dem Beschuldigten Übungsleiter trainiert und sich vor zwei Jahren an die Polizei gewandt, als sie von dem Fall in der NGZ gelesen hatte. Elena berichtete der Sachverständigen, was sie in den Jahren mit ihrem Trainer erlebte – intime Berührungen bei Hilfestellungen oder im Geräteraum. Am Ende befand die Gutachterin, dass sich Elena in einer "pubertären Phase" befände und "Aufmerksamkeit" suche. "Das war die schlimmste Verletzung, die mir je passiert ist."

Ähnliche Erfahrungen mit der Düsseldorfer Gerichtspsychologin machte auch Andrea H. (Name geändert). Die heute 23-Jährige, die sich jetzt als Zeugin zur Verfügung gestellt hat, hörte 1998 mit dem Training in der Leistungsgruppe auf. Sie sieht in der Anzeigenserie gegen ihren Ex-Trainer eine "Bestätigung. Ich war die Einzige, die was gesagt hat. Ich habe schon an mir gezweifelt." Die gleiche Sachverständige habe damals wissen wollten, ob die Zwölfjährige ihren Vater schon einmal nackt gesehen habe und ob sie einen Freund haben wolle. "Ich habe das nicht verstanden", sagt Andrea H. Auch in ihrem Fall wurde keine Anklage erhoben.

Koenemann kritisierte, dass "die Gutachten allein ausschlaggebend dafür sind, ob die Staatsanwaltschaft Anklage erhebt oder ob die Sache eingestellt wird. Wir müssen es in den Gerichtssaal schaffen, dann ist der Opferschutz gut."

Quelle: NGZ
 
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