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Neuss
Mann in Flammen nach Phosphorfund

Neuss: Jogger verbrennt sich durch Phosphor vom Rhein
Neuss: Jogger verbrennt sich durch Phosphor vom Rhein FOTO: Daniel Bothe
Neuss. Was ein 77-Jähriger am Rheinufer für einen Kiesel hielt, war in Wahrheit ein Kampfmittelrest aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Phosphor entzündete sich in der Hosentasche des Mannes. Er erlitt schwere Verbrennungen an Hand und Hüfte. Von Christoph Kleinau

Manfred K. (77) und seine Frau Ingrid (73) nennen sich gerne "archäologische Schrottsammler". Wo immer sie etwas finden, was ungewöhnlich, interessant oder einfach nur hübsch aussieht, nehmen sie es mit. Den tischtennisball-großen Klumpen aber, der dem 77-Jährigen am Dienstagabend bernsteinfarben aus dem Kiesbett des Rheins bei Neuss-Uedesheim entgegenblinzelte, hätte er besser liegen gelassen. Denn der Kiesel war reiner Phosphor, der sich auf dem Nachhauseweg des Rentners in dessen Hosentasche in einer 1300 Grad heißen Stichflamme selbst entzündete. Für alle Behörden ein skurriler Einzelfall, für Manfred K. eine Katastrophe. Er wurde mit schweren Verbrennungen an Hand und Hüfte in eine Kölner Spezialklinik geflogen, wo er morgen noch einmal operiert werden soll.

Auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gibt der Rhein Stück für Stück preis, was in seinen Fluten an Waffen und Munition versenkt worden war. Vor allem, wenn er Niedrigwasser führt. Das ist aktuell so. Dass weißer Phosphor, der in feuchtem Zustand tatsächlich an Bernstein erinnert, in loser Form gefunden wurde, haben Stefanie Klockhaus von der Bezirksregierung, die auch für den Kampfmittelräumdienst spricht, und Ramon van der Maat von der Wasserschutzpolizei Duisburg noch nicht gehört. "An der Nord- oder Ostsee gibt es das häufiger, bei uns sind die klassischen Funde die Regel", sagt Klockhaus und zählt auf: Splitter, Zünder, Granaten, Blindgänger.

"Man muss immer und überall mit Kampfmitteln rechnen", sagt Klockhaus, die nur davor warnen kann, Waffenteile oder dergleichen als Souvenir mitnehmen oder selbst bei den Behörden abgeben zu wollen. Voraussetzung: Man muss solche Dinge auch erkennen und ihre Brisanz einschätzen können. Manfred K. konnte das nicht. "Für ihn war das ein harmlos aussehender Kieselstein", sagt seine Frau.

Wo der Uedesheimer den Phosphor-Klumpen genau fand, kann er nicht sagen. Das machte eine gezielte Suche der Behörden nach möglichen weiteren Kampfmittelresten gestern aussichtslos. "Mindestens drei Kilometer hat er ihn in seiner Jogginghose durch die Gegend geschleppt", sagt seine Frau. Dann stieg K. in sein Auto und fuhr das kurze Stück nach Hause. Keine 50 Meter vor der Tür seines Einfamilienhauses an der Uedesheimer Franziskusstraße entzündete sich der Phosphor in einer einzigen Explosion. Eine Stichflamme schoss bis unter den Fahrzeughimmel seines VW-Touran, zugleich hörte man einen lauten Knall. Seine Nachbarn Steffen Gräbner und Frank Reichel waren als Erste vor Ort und halfen, den brennenden Fahrersitz des Wagens, mit dem K. in seiner Panik noch gegen parkende Fahrzeuge geprallt war, zu löschen.

Weißer Phosphor zeige unter Wasser keine Reaktion, erklärt Florian Korthauer von der Feuerwehr Neuss die Selbstentzündung. Kommt jedoch trockener Phosphor mit Sauerstoff in Berührung, reicht eine Temperatur von 30 Grad, um den Stoff zu zünden. Diese Temperatur war in der Hosentasche schnell erreicht.

Die Feuerwehr half Manfred K. aus den verbrannten und kontaminierten Kleidungsstücken, die vom Kampfmittelbeseitigungsdienst sichergestellt wurden. Zur fachgerechten Entsorgung und zur Untersuchung, wie Stefanie Klockhaus erklärt. Von dem Phosphor selbst konnte jedoch nicht einmal mehr ein kleiner Rest gefunden werden. Die Behörde kann daher nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, woher dieser leicht-entflammbare Klumpen stammt, geht aber mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass es sich bei ihm um einen Kampfmittelrest aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. Dass es durch das Verrosten von Bomben künftig häufiger zu solchen Funden und Unfällen kommen könnte, sei aber nicht zu erwarten, ergänzt Klockhaus.

Manfred K. wurde mit einem Krankenwagen zum Rheinufer gebracht, wo er unter den Blicken vieler neugieriger Zuschauer von einem Rettungshubschrauber übernommen wurde. Die Polizei wird die genaue Brandursache klären, aber keine weiteren Ermittlungen anstellen, wie Polizeisprecherin Daniela Dässel erklärt. Denn Hinweise auf eine Straftat lägen keine vor.

Bei dem Fund kommen Erinnerungen an den Supersommer 2003 auf. Damals stöberte "Sparky", der Hund des pensionierten Neusser Postboten Michael Dös, zwischen dem sonst überfluteten Schotter und Geröll mehr als 50 Stabbrand- und Phosphor-Bomben auf. "Da liegt noch mehr", sagt Dös.

Quelle: RP
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