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Analyse
Politischer Doppelpass in Schwarz und Rot

Neuss. Neusser Woche Jörg Geerlings ist CDU-Chef in Neuss, will aber nach Düsseldorf. Versperrt ihm Cornel Hüsch den Weg? Wen stellt die SPD zur Landtagswahl auf? Arno Jansen ist Favorit, er kann aber auch Beigeordneter im Rathaus werden. Neusser Politik bleibt spannend. Von Ludger Baten

Seit Dienstag ist klar, ohne Jörg Geerlings (43) läuft nichts in der Neusser CDU - und die verfügt immer noch über gewaltige gesellschaftliche Dynamik. Mehr als 500 Mitglieder für eine Parteientscheidung zu mobilisieren, das schafft in Neuss nur die CDU. Das ist gelebte Demokratie, das ist eine Demonstration der Stärke - und Jörg Geerlings ist der Anführer. Er wurde in einer Kampfabstimmung gegen Herausforderer Michael Werhahn (65) nicht nur im Amt des Vorsitzenden bestätigt, sondern sein Sieg umgibt eine Botschaft, die sehr an den Filmklassiker "Highlander" erinnerte: Es kann nur einen geben!

Genau diese Botschaft wird Jörg Geerlings gefallen, für den die Verteidigung des CDU-Vorsitzes vor allem aus einem Grund wichtig war: Er will mit dem Pfund des Vorsitzenden wuchern, wenn er demnächst nach der Landtagskandidatur greift. Seine Bewerbung hat er längst verkündet. Kein Zweifel: Jörg Geerlings plant ein Leben als Berufspolitiker.

Seiner nach 2010 und 2012 dritten Kandidatur ist Jörg Geerlings am Dienstag einen großen Schritt näher gekommen, denn er räumte mit seinem Sieg über Michael Werhahn so ganz nebenbei auch dessen Unterstützer Jutta Stüsgen (52), Sebastian Ley (30) und Dieter Welsink (58) beiseite, die alle gern fürs Düsseldorfer Parlament kandidieren würden. Doch angesichts einer drohenden Niederlage zogen Stüsgen und Welsink Dienstag ihre Bewerbungen zurück. Nur Ley trat an und verlor. Sollte einer aus diesem Trio dennoch so kühn sein, und Geerlings den Weg nach Düsseldorf versperren wollen, er käme über die Rolle eines Zählkandidaten nicht hinaus.

Bliebe aus dem Kreis der bisher erkennbaren Interessenten für die Landtagskandidatur nur noch Andreas Hamacher (33). Der alte und neue Vize-Vorsitzende gehört zu Geerlings' Getreuen und wird nicht gegen seinen Chef antreten. Schon wird kolportiert, Hamacher könnte auch ein guter Kandidat fürs Europaparlament sein ... Dennoch ist mit der Vorsitzenden-Wahl nicht zugleich die Vorentscheidung über die Landtagskandidatur gefallen. So lange Cornel Hüsch (54) nicht seinen Verzicht erklärt, ist nichts entschieden. Hüsch ist in der Partei als ehemaliger Vorsitzender bestens vernetzt und kann - wie Geerlings - mobilisieren. Geerlings vs Hüsch: Wieder würde der CDU eine große Personalentscheidung bevorstehen.

Spätestens an diesem Punkt der Überlegungen stellt sich die Frage: Wie positioniert sich der örtliche Bundestagsabgeordnete angesichts der Vorgänge in seinem Heimatstadtverband? Im Vorfeld der Personalentscheidung Geerlings vs Werhahn vermied Hermann Gröhe jede Formulierung, die ihn in die Nähe eines Kandidaten rücken würde. Aber was will Gröhe den Mitgliedern und der Öffentlichkeit sagen, wenn er sich nicht zum Amtsinhaber bekennt, der 2013 sein erfolgreicher Wahlkampfleiter war?

Doch die Landtagskandidatur in der eigenen Partei zu erkämpfen, ist das eine. Das andere ist, das Landtagsmandat auch zu gewinnen. Das weiß Jörg Geerlings, spätestens seit er 2012 gegen Reiner Breuer (46, SPD) verlor. Doch der ist inzwischen Bürgermeister und kann ihn ebenso wenig ärgern wie der ehemalige FDP-Stimmenfänger Hermann-Josef Verfürth (66). Der wurde längst in den eigenen liberalen Reihen entzaubert. Wen könnte die SPD in den Landtagswahlkampf schicken? Erste Wahl ist Arno Jansen (42). Meldet der starke Vorsitzende der Ratsfraktion und Breuer-Vertraute sein Interesse an, wird er den Zuschlag erhalten. Nur ist die Frage: Will Arno Jansen auch in den Landtag? Oder würde er lieber auf die Chefetage im Neusser Rathaus ziehen? Im nächsten Jahr wählt der Rat auf Vorschlag der SPD einen weiteren Beigeordneten. Die Wahl gilt als sicher, denn die CDU hat längst Zustimmung versprochen. Jansen ist geeignet. Er ist Jurist, er kennt als Ratsherr und als Mitarbeiter der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik (SGK) das Aufgabenfeld aus dem Effeff - und es würde sich ihm womöglich bald eine reizvolle Perspektive auftun: Sollte Frank Gensler (54) dann 2019 nicht für eine dritte Amtszeit zur Verfügung stehen, dann würde im Neusser Rathaus ein neuer Erster Beigeordneter und ein neuer Kämmerer gesucht. Ein charmanter Nebeneffekt: Jansen wäre - sehen wir einmal von Bürgermeister Breuer ab - der einzige Neusser in der Beigeordneten-Riege.

Den SPD-Regisseuren um Benno Jakubassa (62) kann ein Wechsel von Arno Jansen ins Rathaus nur Recht sein, denn dann wären zwei Plätze für die nachrückenden Talente der "Goldenen Generation" frei. Michael Ziege (29) ist als Fraktionschef denkbar und für Sascha Karbowiak (28) wäre der Weg zur SPD-Landtagskandidatur frei.

Der junge Karbowiak wäre wiederum vermutlich einem Kandidaten Geerlings lieber als der in Auseinandersetzungen gestählte Jansen. Überhaupt mehren sich Zeichen, dass sich Schwarz und Rot besser verstehen, als sie zugeben wollen. Es ist kein Geheimnis, dass CDU-Planungsexperte Karl-Heinz Baum (76) die Abstimmungen mit dem Koalitionspartner Bündnis 90/Die Grünen als sehr mühsam empfindet. Wenn Baum nun öffentlich für die Wahl von Jörg Geerlings zum CDU-Vorsitzenden warb, könnte das als Fingerzeig in Richtung Große Koalition gedeutet werden. Mit der SPD, so wird Baum denken, wäre manches Planungsprojekt einfacher durchzusetzen. Denn eins ist allen bewusst: In der CDU steht niemand so fest zur schwarz-grünen Zusammenarbeit wie die Fraktionsvorsitzende Helga Koenemann (62) - und die gehörte zu den bekennenden Unterstützern von Michael Werhahn. So etwas vergisst ein Jörg Geerlings nicht. Fazit: Die Entscheidung vom Dienstag war für die Neusser CDU nicht das Ende, sondern erst der Anfang des Machtkampfes.

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Quelle: NGZ
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