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Dr. Martin Köhne
Psychiatrie plant Erweiterungsbau

Dr. Martin Köhne: Psychiatrie plant Erweiterungsbau
Dr. Martin Köhne, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des St. Alexius-/St. Josef-Krankenhauses, saß als Talkgast auf dem blauen NGZ-Sofa. FOTO: woi
Neuss. Neuss Knapp 400 Betten, rund 600 Mitarbeiter und etwa 6000 stationäre sowie mehr als 10.000 ambulante Behandlungen pro Jahr: Das St. Alexius-/St. Josef-Krankenhaus in Neuss gilt als eine der modernsten Kliniken für Psychiatrie. 2004 fusionierten die beiden Krankenhäuser, 2012 wurde der Zusammenschluss auch nach außen sichtbar - durch die Eröffnung des Zentrums für seelische Gesundheit in dem modernen Neubau. Martin Köhne ist Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer des Zentrums. Auf dem blauen NGZ-Sofa im Restaurant Essenz in den Räumen der Bürgergesellschaft Neuss stellte er sich den Fragen von Redaktionsleiter Ludger Baten.

Ist das nicht ein Widerspruch: Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer in einer Person?

Köhne In der Tat - das widerspricht sich. Aber das hatte sich bei den Planungen für unseren Neubau, in die ich mich sehr stark eingebracht hatte, so ergeben. Da hat der Träger - die St. Augustinus-Kliniken, für die ich ja schon einige Jahre arbeite - gemerkt, dass ich ökonomisch denken und handeln kann. Gleichwohl ist es ein gewisses Spannungselement: Einerseits zu sparen und andererseits das Beste für die Patienten umzusetzen. Das ist nicht ganz einfach, aber möglich.

Was sind Sie denn mehr: Arzt oder Geschäftsführer?

Köhne Im Herzen Arzt, aber zu mindestens 50 Prozent Geschäftsführer.

2012 wurde das Zentrum für seelische Gesundheit eröffnet. Ein prächtiger Bau, der 56 Millionen Euro gekostet hat. Dennoch: Geht es nicht auch etwas preiswerter?

Köhne Wir wollten etwas Nachhaltiges schaffen. Dieser Bau ist identifikationsstiftend. Auch für die Mitarbeiter, die aus zwei verschiedenen Krankenhäusern kamen und die innere Fusion schaffen mussten. Und wir wollten etwas Wertvolles für die Patienten errichten. Eine Atmosphäre bieten, die vermittelt: Hier kann ich gesund werden. Und der Ökonom in mir weiß: Das Haus trägt sich. Zum einen über alle Behandlungen, aber auch über die Privatpatienten, für die wir zwei Stationen haben, die seit vier Jahren zu fast 100 Prozent belegt sind.

Heißt das, Sie schreiben schwarze Zahlen?

Köhne Ja, schwarze Zahlen. Und da wir gemeinnütziger Träger sind, fließt dieses Geld dann in andere, sehr sinnvolle Projekte wie zum Beispiel das neue Memory-Zentrum für Demenz-Erkrankte.

Gibt es Potenzial für eine Erweiterung des Zentrums für seelische Gesundheit?

Köhne Der Bedarf ist immens. Im vergangenen Jahr mussten wir über 2000 Patienten abweisen. Wir könnten sofort ein weiteres Haus füllen. In der Krankenhausplanung ist uns von Seiten der Krankenkassen bereits eine Erweiterung genehmigt worden. Angedacht ist ein sogenannter fünfter Finger. Wenn man unser Haus von oben sieht, wirkt es aktuell wie eine Hand mit vier Fingern, der fünfte Finger würde den Bau vollenden. Die Hand als Hilfe beziehungsweise gehalten zu werden, ist ja ein schönes Bild

Sie gehören zum St. Augustinus-Kliniken-Verbund. Ist das ein Vorteil oder eher ein Nachteil?

Köhne (lacht) Sie stellen aber Fragen ... bislang keine davon, die wir im Vorgespräch hatten... Ganz ehrlich: Alleine wären wir noch stärker und könnten sicher für die Psychiatrie noch mehr verwirklichen. Aber in unserem sehr sozialen Verbund gilt das Solidaritätsprinzip. Einer unterstützt den anderen - dazu zählen die Krankenhäuser, die Behinderten- und Seniorenhilfe. Dies entspricht auch dem christlichen Selbstverständnis und dem Wertekodex unseres Trägers.

Gibt es mehr psychische Erkrankungen oder wird diesen mehr Aufmerksamkeit geschenkt?

Köhne Die Zahlen sind nicht wesentlich gestiegen - mit Ausnahme in den Bereichen Depressionen oder Burnout. Aber vor Jahren gab es nur wenige gute Behandlungskonzepte. Nach dem Zweiten Weltkrieg beispielsweise gab es unzählige Traumatisierte, die jedoch keine Hilfe erhielten. Sie mussten alles selbst durchstehen. Erst jetzt eröffnen sich Wege, mit den psychischen Belastungen, auch schwereren Erkrankungen, offensiver umzugehen.

Werden psychische Erkrankungen auf die nachfolgenden Generationen transferiert?

Köhne Psychiatrie ist auch ein Generationenproblem. Das, was wir heute aushalten, haben uns zum Teil unsere Eltern mitgegeben. Manche Elternteile hatten schwere Konflikte, die sie nicht gelöst und unbewusst auf die Kinder übertragen haben.

Sind psychische Erkrankungen eine Volkskrankheit?

Köhne Man darf nicht alles psychiatrisieren. Diese Tendenz gibt es leider. Ich würde nicht von Volkskrankheit, sondern von zunehmendem gesunden Menschenverstand gegenüber psychischen Erkrankungen sprechen, also, wie gehe ich mit meinen persönlichen Problemen um.

Es gibt also mehr Akzeptanz gegenüber psychischen Kranken?

Köhne Die Tendenz gibt es. Aber es wird auch Akzeptanz geheuchelt. Beispielsweise auch gegenüber Migranten, Asylanten, dem Islam, Homosexuellen, psychisch Erkrankten und anderen. Man tut nur so, als würde man akzeptieren, weil es dem Mainstream entspricht. Als Fachbegriff sprechen wir von "gespaltener Akzeptanz".

Welche Erkrankungen werden in Ihrem Zentrum behandelt?

Köhne Wir bilden die gesamte Psychiatrie mit mehreren Schwerpunkten ab: Akute und frühkindliche Traumata, Angststörungen, Borderline, sämtliche Suchterkrankungen sowie depressive Krankheiten - zunehmend auch Altersdepressionen.

Im Dezember ist das Memory-Zentrum für Demenz-Erkrankte eröffnet worden. Wie läuft es an?

Köhne Wir sind sehr zufrieden. Das Konzept der Quartiersarbeit, bei dem Demenzerkrankte in ihrer unmittelbaren Heimat, bei uns die Neusser Furth, integriert werden mit gemeinsamen Tanznachmittagen oder Kinobesuchen, geht auf. Inhaltlich müssen wir uns noch weiterentwickeln, damit die optisch tolle Gestaltung des Baus auch unserem fachlichen Anspruch entspricht.

Die Arbeit mit psychisch Kranken hat in Neuss Tradition. Ist Neuss da einen Schritt weiter als andere Städte?

Köhne Das ist so. Neusser erlebe ich als gleichzeitig konservativ und fortschrittlich. Und unser Zentrum hat das Glück, dass es in Neuss eine jahrhundertealte Tradition des Wohlwollens und der Akzeptanz unseren Krankenhäusern gegenüber gibt.

DAS GESPRÄCH FASSTE BÄRBEL BROER ZUSAMMEN.

Quelle: NGZ
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