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Neuss
Raoul Schrott baut eine Brücke in die Antike

Neuss. Der Schriftsteller beendete in der Stadtbibliothek den Literarischen Sommer mit einer Lesung aus "Hesiods Theogenie".

Er ist Fachmann für Dada und Homer, hat preisgekrönte Essays, Lyrik, Prosa veröffentlicht und übersetzt früheste europäische Texte auf unorthodoxe Weise. Vor ein paar Jahren hat er mit seinen Thesen zu Troja ganze Teile der Altphilologie gegen sich aufgebracht, wenig später schrieb er eine Studie zum Thema Lyrik und Gehirnforschung: Für Überraschungen ist der gebürtige Tiroler Raoul Schrott immer gut. Promoviert, habilitiert und gebildet - dabei sieht der sympathische Österreicher mit dem dichten Jungenhaarschopf in seiner abgewetzten Jeans und der Schimanski-Jacke eher aus wie ein neuer Tatort-Kommissar und nicht wie einer, der seine Zeit zwischen Bücherwänden und am Schreibtisch verbringt.

Nicht gerade reißerisch klingt sein jüngstes Projekt: die Übersetzung von Hesiods Theogonie. So war die Stadtbibliothek zum Abschluss des Literarischen Sommers vor allem mit einem sehr weißhaarigen Publikum gut besetzt, pensionierten Philologen und Bücherfreunden, Profis im Durchforsten des Altertums auf der Suche nach Kleinodien. Könnte man meinen.

Sobald Raoul Schrott, der Autor mit den wachen, humorvollen Augen und dem gewinnenden Jungenlachen aber anfängt zu erzählen, von Hesiod und den dunklen Jahrhunderten, dem zerfallenen Reich der Hethiter und dem Kulturimport ins griechische Euböa, wird man unentrinnbar eingefangen, umwoben und ist unweigerlich fasziniert von jener fremden Welt vor fast 3000 Jahren. Woher kannte Hesiod die Geschichten, die er aufschrieb? War er Dichter oder ein Priester des göttlichen Kults? Schrotts Fragen sind die Werkzeuge, mit denen er die versteinerten Relikte und Texte so lange abklopft, bis sie nachgeben, sich öffnen, das in ihnen verschlossene Leben und Denken freigeben. Und er , sucht Erklärungen, fragt weiter und schlägt die Brücke vom Heute ins plötzlich gar nicht mehr so fremde Damals.

Wozu die Musen gut waren, oder was er selbst am heiligen Berg Helikon in Griechenland erlebte auf der Suche nach dem Wasser der Hippokrene: Was immer er erzählt, dieser Tausendsassa und Grenzgänger zwischen den Disziplinen, wird lebendig und macht neugierig. Ob er von dem Wasser aus dem Brunnen am Gipfel des Helikon getrunken hat? Jenem Wasser, durch das die Musen die Dichter inspirieren? Es schwammen tote Mäuse drin, deshalb hat er es nicht getrunken, erzählt er augenzwinkernd. Wozu auch? Spannender, lebendiger könnten seine (Ent-)Führungen durch die Welt der frühen Griechen ohnehin nicht sein.

(KaTze)
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