| 00.00 Uhr

Neuss
Sechs Wochen Putzdienst an der Orgel

Neuss: Sechs Wochen Putzdienst an der Orgel
Orgelbauer in Aktion: John Miller und Peter Schleifenheimer (v.l.) reichen Sonja Füßmann eine der etwa zwei Meter langen metallenen "offenen Labialpfeifen" an. FOTO: Berns
Neuss. Dreck, Feuchtigkeit - oder ein toter Vogel. Es gibt viele Gründe, warum eine Orgel verstummen kann. Die Orgelbauer haben so manche Überraschung erlebt. Nach zwei Jahrzehnten stand nun die Reinigung der Pfeifen in Heilig Geist an. Von Kilian Treß

Zwangsurlaub für Marion Auler-Diederich. Die Organistin, die seit neun Jahren die Orgel der Heilig-Geist-Kirche in Weißenberg bespielt, muss für insgesamt sechs Wochen auf ihr "Örgelchen", wie sie das pompöse Bauwerk mit 990 Holz- und Metall-Pfeifen nennt, verzichten. Zu viel Staub hat sich in den vergangenen 20 Jahren angesammelt, der die feine Mechanik und die Ton-Erzeugung extrem beeinflusst. "Man muss eine Orgel pflegen wie ein Auto", sagt Auler-Diederich. "Wenn sie über Jahre nicht gepflegt wird, dann bekommt sie Kinderkrankheiten - und dann setzt allmählich der Verschleiß ein", sagt sie und streichelt vorsichtig mit dem Finger über ein Bauteil.

Doch genau das ist ihrer Orgel widerfahren. Zwei Jahrzehnte Stadtluft und Feuchtigkeit haben sich in den riesigen Metallpfeifen (offene Labialpfeifen), Holzpfeifen (gedackte Labialpfeifen) sowie in den zierlichen Lingualpfeifen abgesetzt. Schon mit dem bloßen Auge sind schwarze Verfärbungen durch Dreck zu erkennen, der das Instrument früher oder später hätte verstummen lassen.

Die Gesamtsanierungs-Arbeiten kosten rund 16.000 Euro, die die Gemeinde und das Erzbistum Köln zu je 50 Prozent übernehmen. "Eigentlich war die Orgel schon letztes Jahr dran", sagt Kirchenvorstand Joachim Goerdt. "Aber das Geld vom Erzbistum stand noch aus." Etwa ein Jahr lang musste die Orgel trotz schiefer Töne somit weiter herhalten. Sogar über Ostern und über die Kommunionszeit. "Erst jetzt war es finanziell und zeitlich möglich, die Sanierung anzugehen", sagt Goerde. Seit April wird das Instrument nun von Grund auf saniert und liegt in Einzelteilen entweder schon im Bergischen Land in der Werkstatt der beauftragten Orgelbau-Firma Schulte zur Reinigung oder noch in der Kirche. Dort soll sie über die nächsten drei Wochen nach und nach wieder in den drei mal drei Meter großen hölzernen Klangkasten installiert werden.

"Das ist alles ein bisschen wie Tetris", sagt die Orgelbauerin Sonja Füßmann über ihre Arbeit. Seit 18 Jahren baut und saniert sie Orgeln. Die 40-Jährige hat in den vergangenen Jahren Hunderte auseinander gebaut, gereinigt, und wieder zusammengesetzt. Und sie hat einige bizarre Gründe und Überraschungen gesehen, warum die Pfeifen einer Orgel verstummen können. "Aus einer grüßte uns einmal ein bereits skelettierter Vogel", erinnert sie sich. "Diese Orgel muss also schon lange schief geklungen haben", sagt sie und lacht.

Aber auch menschliche Exkremente habe sie in Pfeifen der "Königin der Instrumente" gefunden. Majestätsbeleidigung in Reinform. "Von einem Bauarbeiter, der wohl nicht wusste, was er da tut", sagt Füßmann. Diese Art der Befleckung blieb der Heilig-Geist-Orgel in Weißenberg aber bislang erspart. "Bis auf den dicken Staub ist alles in Ordnung", sagt sie.

Damit alle Teile wieder am rechten Platz sitzen, haben Füßmann und ihre beiden Gesellen jedes einzelne Element beschriftet. Im Prinzip sei es trotz der fast 1000 Pfeifen, 142 Hand- und Fußtasten, Dutzender Seilzüge und bewegbarer Holzplatten, Schrauben und filigranster Technik kein "Hexenwerk", eine Orgel wieder zusammenzubauen. Es sei ein Handwerk, das wie jedes andere erlernt werden kann. Füßmann sei es zumindest noch nicht vorgekommen, dass sie jemals ein Teil vergessen hat, einzusetzen. "Bis auf ein paar Schrauben vielleicht. Die bleiben, wie beim Aufbauen eines Schranks, irgendwie immer übrig", sagt sie und lacht. Schwieriger wird es da schon, die Pfeifen zu stimmen. Die feinen Unterschiede von Ton zu Ton in einer Oktave - Musiker sprechen von der Temperatur - werden oft noch nach Gehör gestimmt. "Auch das muss man erstmal lernen", sagt Füßmann.

Noch etwa drei Wochen muss Organistin Marion Auler-Diederich verzichten. Doch sie freut sich jetzt schon auf den Tag, wenn sie endlich wieder in die Tasten ihres "Örgelchens" hauen kann.

Quelle: NGZ
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Neuss: Sechs Wochen Putzdienst an der Orgel


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.