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Neuss
Seit 60 Jahren Lehrer für Sanskrit

Neuss: Seit 60 Jahren Lehrer für Sanskrit
Viel stolzer als seine Verdienste und die neue Medaille macht Prakash Kumar Avasthi sein Haus. Dort hat er alles selbst gemacht: den Bau geplant, Beton gegossen, Fenster eingebaut und den Garten angelegt. FOTO: Woitschützke, Andreas
Neuss. Seit 60 Jahren unterrichtet der Neusser Prakash Kumar Avasthi an der Volkshochschule Düsseldorf Hindi und Sanskrit. Dafür wurde der 94-jährige Inder nun mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet. Von Bärbel Broer

Das amtliche Schreiben, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass er mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet werden soll, wäre beinahe im Altpapier gelandet. Doch im letzten Moment entdeckte Prakash Kumar Avasthi den offiziellen Umschlag inmitten von Werbung. Jetzt wurde der in Neuss lebende 94-jährige Inder mit der Bundesverdienstmedaille für besondere Verdienste im sozialen Bereich geehrt. Denn seit knapp 60 Jahren unterrichtet er an der Volkshochschule Düsseldorf Hindi und Sanskrit. Auch heute noch fährt er regelmäßig nach Düsseldorf, um dort als Hindi-Dozent zu arbeiten.

Danach befragt, was ihm die Ehrung bedeute, gibt er unumwunden zu: "Die Medaille bedeutet mir nichts. Ich habe mich in Deutschland nie so fremd gefühlt, als dass sie irgendetwas bei mir verändern würde. Ich bleibe genau der, der ich immer war."

Avasthi, der aus der Nähe von Bhopal in Zentralindien stammt, ist ein intellektuell anmutender Mann. Mit seinen wachen Augen, seinen weisen Worten und seinen grauen Haaren um die Halbglatze weckt er rasch Assoziationen mit Gandhi. Fotos von seinen Indien-Reisen, die ihn in klassischer indischer Tracht mit Kurta, dem langen weißen Hemd, und Dhoti, der weißen, weiten Hose, zeigen, bestätigen diesen Eindruck. Etliche dieser Reisen hat er auch mit Schülern aus Düsseldorf gemacht. Dass Avasthi in Deutschland seine neue Heimat finden würde, war keineswegs abzusehen. Der Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, der im indischen Staatsdienst gearbeitet hatte, war im Alter von 30 Jahren eigentlich nur auf Europa-Rundreise, als sein Bruder, der bereits in Dortmund lebte, ihn überredete, nach Deutschland zu kommen. "Er besorgte mir zunächst ein Praktikum in einer Maschinenfabrik", sagt Avasthi, der nach drei Monaten schwer erkrankte. "Ich hatte immer schon heftige Schmerzen im Unterleib, aber die Ärzte in Indien konnten nichts finden."

Im Dortmunder Krankenhaus war das anders. Avasthi musste sich einer komplizierten Darmoperation unterziehen. "Ich hatte Sorge, weil ich kein Geld hatte, aber der Arzt versicherte mir, dass die Kosten übernommen würden. Das waren noch andere Zeiten damals", sagt er. Fast zwölf Tage lang habe er nicht ansprechbar im Krankenhaus gelegen. Die Worte seines Bruders, die dieser ihm am Krankenbett zuflüsterte, nahm er aber wahr: "Du wirst wieder gesund." Über drei Monate musste er noch im Krankenhaus bleiben, eine Reha auf Sylt folgte. "Dort habe ich Deutsch gelernt", so Avasthi. "Mit der Taschenlampe unter der Bettdecke habe ich Deutschbücher gelesen, damit ich meine Zimmergenossen nicht störte."

So beschwerlich der Start in Deutschland auch war, so reibungslos lief es fortan: Nach der Reha konnte er zunächst sein Praktikum fortsetzen. Später fand er eine Anstellung bei der International Harvester Company in Neuss, heiratete und bekam mit seiner mittlerweile verstorbenen deutschen Frau zwei Töchter, Anup und Janup. So bescheiden er bei seinen Verdiensten als Hindi-Dozent und seine Medaille ist, so stolz ist er auf etwas ganz anderes: "Mein Haus. Ich habe alles selber gemacht: den Bau geplant, Beton gegossen, Fenster eingebaut und den Garten angelegt."

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