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Neuss
Sentimentales und anregendes Klavierspiel

Neuss. In der Reihe "Acoustic Concerts" des Kulturamtes im Kulturkeller stellt sich der junge Pianist David Tsitskishvili vor.

Drei Jahre nach ihrer Etablierung haben die "Acoustic Concerts" im Kulturkeller ein festes Publikum gewinnen können. Die Mischung aus Weltmusik und Nachwuchstalenten der Klassik muss gelegentlich sogar in größere Konzerträume ausweichen.

Im intimen Ambiente des Kulturkellers präsentierte jetzt der in Deutschland lebende Georgier David Tsitskishvili (32) einen Klavierabend, der ihn trotz stattlicher Statur als Meister des sentimental-verhaltenen Spiels porträtierte, so als wollte er die vielen Zuhörer unter dem tiefhängenden alten Gewölbe des Kulturkellers niemals stören. Nach seinem "Master of Arts" an der FU Berlin arbeitet der Pianist vornehmlich für den Klavierhersteller C. Bechstein, seine Solokarriere skizziert ein Standardprogramm, das er nach Auftritten unter anderem im Kammermusiksaal der Berliner Philharmoniker nun in Neuss spielte. Übrigens hatte dies die Deutsche Kammerakademie Christian Weber, dem verantwortlichen Programmgestalter für die "Acoustic Concerts" beim Kulturamt, empfohlen.

Die Sonate in c-Moll vom Joseph Haydn mit ihrem elegischen Anfangsthema, das in der Reprise sogar mit Seufzern verziert auftritt, kam dem Naturell des Georgiers wohl sehr entgegen. Extrem verhaltener Anschlag bei sparsamstem Pedalgebrauch versinken gelegentlich sogar im Adagio. Der ohnehin langsame Mittelsatz der Komposition wurde zum Gebet, die introvertierte Interpretation des kraftvollen Schlusssatzes bedeutete nicht etwa die Endlichkeit der Stille. Dass David Tstitskishvili aber auch sehr elegant mit dem Pedal umgehen kann und mit mächtigen Bassschritten das Thema der "Chaconne" aus der Partita Nr. 2 d-Moll für Solovioline durch diesen monumentalen Satz treibt, war angemessen perfektes Spiel. Ferrucio Busoni hat dieses wirkungsvolle Werk für Klavier bearbeitet. Die drei kurzen Stücke aus dem Liederbuch seines Landsmannes Gija Kantscheli waren allenfalls "höchst intime Selbstgespräche". Ganz spannend und geradezu provokant hingegen die fünf "Sarkasmen" (Op. 17) von Sergej Prokofjew.

Das war das Glanzstück des Pianisten, mit wachsender Steigerung bis zum psychopathisch besessenen vierten Stück. Bizarr die fünfte Episode: Nach rhythmisch wüstem Auftakt - "Manchmal lachen wir böse über irgendwen" - versinkt das Stück in ruhig schleifendem Bass und dumpfen Akkorden - wenn wir sehen, "wie elend und unglücklich der Verlachte ist".

Dann spielte David Tsitskishvili als Zugabe die "Nocturne in Es-Dur" von Fréderic Chopin. Sie konnte die erregten Zuhörer wieder beruhigen.

(Nima)
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