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Shakespeare-Festival 2016
Vom Ende der Macht

Shakespeare-Festival in Neuss: Vom Ende der Macht
Caesars (Philipp Napier, Mitte) letztes Stündlein hat geschlagen, Brutus (Chiara von Galli, r.) wird ihn töten. FOTO: C. Krey
Neuss. Regisseurin Polina Kalinina zeigt "Julius Caesar" beim Shakespeare-Festival. Von Helga Bittner

Shakespeare verträgt alles. Aber nicht alles überzeugt. Dass Regisseurin Polina Kalinina eine große Freundin untermalender Geräusche ist, hat sie schon mit ihrer Inszenierung von "Romeo und Julia" im vergangenen Jahr beim Shakespeare-Festival gezeigt. Da dröhnte es schon zu Beginn beängstigend durchs Globe. Dabei war das noch gar nichts im Vergleich zur Geräuschkulisse ihrer aktuellen Arbeit, dem Drama "Julius Caesar", das sie mit dem Ensemble der Mountview Productions einstudiert hat. Immerzu brummt, summt, dröhnt, wummert, zischt oder heult es, so dass sich der Effekt - im Sinne der Unterstreichung einer Emotion, einer Ahnung, eines Unheils - nur abnutzt. "Julius Caesar" ist nicht ohne Grund eines der weniger gespielten Dramen Shakespeares (und steht auch im Globe in 25 Jahren erst zum zweiten Mal als Solo auf dem Spielplan). Auch Kalininas Interpretation kann nur bedingt davon überzeugen, dass es anders sein müsste.

Das Drama ist eines ganz wenigen Werke, in dem Shakespeare auf jedwede Komik verzichtet - was auch an dem schwierigen Thema liegen mag. Vordergründig geht es um den Mord an Caesar, aber im Mittelpunkt steht die Frage: Wann ist politischer Mord zu rechtfertigen?

So waren die Stücke beim Shakespeare-Festival 2016 FOTO: Björn Hickmann

Mit dieser Setzung kann eine Theaterinszenierung derzeit kaum aktueller sein. Denn sie stellt auch das Recht an den Pranger: das Recht der Weltveränderer, die sich an der Abschaffung bestehenden Verhältnisse abarbeiten und den Ausweg nur im Mord an jenen sehen, die die Verhältnisse absichern; das Recht der Machthaber, Bewährtes zu bewahren. Das Wohl der Anderen im Blick zu haben, reklamiert dabei jede Seite für sich. Folgerichtig versetzt die Regisseurin das Stück in eine unbestimmte Gegenwart, verknüpft sie aber mit archaischen Wurzeln, indem sie eingangs ein Fest (Luperkalien), das einst dem Herdengott Faunus (mit dem Beinamen "Wolfsabwehrer") gewidmet war, stattfinden lässt und den Menschen dabei - natürlich - Wolfsmasken aufsetzt. Damit zitiert sie einerseits die Gründungssage Roms und andererseits das Bild vom Menschen als Wolf unter Wölfen. Die Wolfmetapher taucht noch mal auf - wenn Caesars Mörder Brutus seinem Ende entgegensieht. Auch da wirkt sie ähnlich bemüht wie die ständige Untermalung mit Geräuschen.

Andere Idee zeugen jedoch von der fruchtbaren Auseinandersetzung des Shakespeare-Themas mit der Realität unserer Tage. So wird Brutus nicht nur von einer Frau gespielt, sondern ist eine Frau, wird mit Mylady angesprochen, ist mit Portia verheiratet und verzweifelt fast an deren Freitod. Chiara von Galli vereint in ihrer Figur typisch männliche (Härte) und weibliche (Vorsicht) Eigenschaften und spricht zudem einige Monolog-Passagen in perfektem Deutsch. Zusammen mit dem zornigen, aber loyalen Cassius von Nathan Banks steht ihre Figur im Zentrum, mit einem gewissen Wohlwollen gar - zumindest im Gegensatz zu Caesar, der als eitler, selbstgefälliger Herrscher gezeichnet ist.

Shakespeare-Festival 2016: das Programm FOTO: Christoph Krey

Das 14-köpfige Ensemble muss sich die kleine Bühne des Globe mit einer sechsteiligen Stellage teilen, die in überdimensionierten Buchstaben den Namen Caesar tragen. Natürlich lösen die Verschwörer nach der Ermordung des Tribuns, dem gerade die Königskrone angedient werden sollte, Teile aus den Buchstaben, so dass bis zum Schluss die Bruchstücke wie ein Mahnmal sichtbar bleiben.

Quelle: NGZ
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