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Neuss
So trostlos ist das Paradies von einst

Neuss: So trostlos ist das Paradies von einst
Das Regenwasser der vergangenen Tage hat sich in einigen Mulden des "Groov'schen Lochs" im Reuschenberger Busch gesammelt. Trotzdem ein überaus trostloser Anblick, finden Karla Maria und Klaus Groove. FOTO: Susanne Genath
Neuss. Die einstigen Eigentümer, Karla Maria und Klaus Groove, bedauern den Verfall im Biotop im Reuschenberger Busch. Von Susanne Genath

Wenn Karla Maria Groove auf die ehemalige Kiesgrube hinter ihrem Garten im Reuschenberger Busch schaut, ist sie bekümmert. "Das war früher ein Paradies", sagt die 85-Jährige. "Jetzt ist es ein Trauergarten." Von abgestorbenen Bäumen hängen abgebrochene Zweige herab, die Fläche besteht hauptsächlich aus Matsch, Moos und etwas Gras, an tieferen Stellen hat sich der Regen der vergangenen Tage gesammelt. Die Stadt hat das Gelände - das "Groov'sche Loch", benannt nach der Familie Groove -, als Feuchtbiotop insbesondere für Amphibien ausgewiesen. Das kann Klaus Groove jedoch nicht nachvollziehen. "Noch vor einigen Jahren hatten wir hier ein wahres Froschkonzert", erzählt der 89-Jährige. "Heute gibt es hier kaum noch Kröten oder Frösche."

Gespeist wird das ehemalige Kiesabbaugebiet durch einen künstlich angelegten Zufluss von der Obererft. Der soll laut Umweltamt künftig nur noch in der ersten Hälfte eines jeden Jahres offen gehalten werden, damit sich in dem Biotop keine Fische mehr ansiedeln. Denn vor kurzem waren im "Groov'schen Loch" unerwartet über 200 Prachtexemplare an Karpfen und Welsen entdeckt und von Tierfreunden vor dem Vertrocknen bewahrt worden.

Im Juli standen noch mehr Teile des Biotops unter Wasser.

Klaus Groove kennt das Gebiet seit frühester Kindheit. Sein Vater, der von einem westfälischen Hof stammte, hatte Ende der 1920er Jahre eine zwölf Hektar große Fläche in Reuschenberg gekauft, auf der sich auch die ehemalige Kiesgrube befand. "Ich bin darauf als Kind Floß gefahren", erzählt der Naturliebhaber. Seine eigenen vier Kinder einige Jahre später ebenfalls. "Der Wasserstand hat schon immer geschwankt, aber in einigen Gräben stand das ganze Jahr über Wasser", erzählt er. Damals sei das Gebiet noch weitgehend unberührt gewesen. "Fußgänger kamen hier nicht vorbei. Die Kinder und ihre Freunde konnten unbeschwert spielen." Der Volksmund habe aus der Kiesgrube schließlich das "Groov'sche Loch" oder auch "Grooves Loch" gemacht. "Wir selbst sagen dazu immer nur ,Baggerloch'", berichtet Klaus Groove.

Er liebe es, Vögel zu beobachten. "Wir haben sogar mal gesehen, wie ein Kuckuck aus dem Nest einer Heckenbraunelle ein Ei geworfen und dafür ein eigenes hineingelegt hat." Die Heckenbraunelle habe sich nach dem Schlüpfen sehr anstrengen müssen, den kleinen Kerl satt zu bekommen. "Wir hatten hier Pirol, Nachtigall, Bluthänfling, Gelbspötter und Grauen Fliegenschnepper", erzählt der zehnfache Großvater. "Die sind aber alle nicht mehr da." 14 Vogelarten seien in den vergangenen Jahren abgewandert. "Die Natur wird immer weniger."

Durch diesen Zufluss von der Obererft wird das Biotop gespeist. FOTO: woi

Das konnten die Grooves schon in anderer Hinsicht feststellen: Auf einem Teil ihres früheren Geländes wurde die Autobahn A 57 gebaut. "Wir wurden dafür enteignet", berichtet Karla Maria Groove. Andere Teile ihres Bodens haben sie unter der Ägide von Bürgermeister Peter Wilhelm Kallen freiwillig an die Stadt Neuss verkauft. "Wir konnten es nicht mehr leisten, uns um das ganze Gebiet zu kümmern." Auslöser sei ein umgestürzter Baum aus dem "Groov'schen Loch" gewesen, der über der Obererft lag. "Wir wurden aufgefordert, ihn zu entfernen", erzählt die 85-Jährige, die aus Wolfenbüttel kommt und ihren Mann auf der Universität in Braunschweig kennengelernt hat.

Bedauert hätten sie den Verkauf nicht. Im Gegenteil. "Wenn wir uns das Gelände heute ansehen, sagen wir uns immer: Wie gut, dass wir nicht mehr dafür verantwortlich sind."

Quelle: NGZ
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