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Neuss
Wie Neuss ans Wasser zurückkehrt

Der Rhein fließt zwei Kilometer östlich an der Stadt vorbei. Wer über die Uferpromenade flanieren möchte, der muss Grimlinghausen oder Uedesheim besuchen. Doch das Hafenbecken I als Schnittstelle zwischen City und Hafen öffnet sich langsam für urbanes Leben mit Büros, Wohnen und Freizeit. Von Ludger Baten

Neuss, die Stadt am Rhein, verfügt nur über wenige hundert Meter Uferpromenade – und das im Süden der Stadt, in Grimlinghausen und Uedesheim. Seit der Rhein im Mittelalter sein Bett verlegte, fließt er rund zwei Kilometer östlich an der Innenstadt vorbei. Was Stadtplaner und Flaneure heute beklagen mögen, nutzten die Neusser weichenstellend zum wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Stadt: Das so „gewonnene“ Land wurde zum Industrie- und Handelshafen umgewandelt, in dem bis heute das wirtschaftliche Herz der Stadt Neuss schlägt.

So kommt es, dass in Sichtweite von Rathaus und Quirinuskirche täglich Raps und Getreide umgeschlagen werden und demnächst – wenn Arcelor Mittal denn wirklich kommt – auch Stahl; getrennt nur durch eine viel befahrene Verkehrsachse, der Batteriestraße. So ist seit Jahren an dieser Schnittstelle der Konflikt vorgegeben. Aus dem Hafen werden Gerüche in die Stadt geweht, Gerüche, die belegen, dass im Hafen Geld verdient wird, die aber eben nicht den Wohn- und Freizeitwert in der Stadt heben. Als einer der ersten skizzierte Udo Kissenkoetter die Idee von einer Stadt Neuss, die ans Wasser rückt.

Der Historiker und damalige SPD-Spitzenpolitiker bezeichnete es 1990 in einem Aufsatz für die Heimatfreunde als große Chance, die Innenstadt wenn auch nicht zum Rhein, so doch immerhin zum Wasser zu öffnen. Später war es Bürgermeister Herbert Napp, der gedanklich gar über das Hafenbecken I sprang. Er sah am Westufer und auf der Mole Wohn- und Bürohäuser sowie Freizeiteinrichtungen. Ein Anfang wurde mit dem UCI-Kinocenter gemacht. Doch der Bürgermeister musste zurückrudern. Auf der Mole fand die Ölmühle C. Thywissen Platz für eine Erweiterung, Vetten Krane & Service GmbH baute dort neu und ein großes Grundstück wird für Arcelor Mittal vorgehalten ... Hängepartie. Aber die Impulse, die Kissenkoetter, Napp und viele andere gaben, werden das Wasser in Neuss erlebbarer machen. Sichtbares Zeichen ist die neue Fußgängerbrücke über die Batteriestraße, die das Gymnasium Marienberg mit ihrer neuen Aula und Mensa in den Cretschmar- Hallen verbindet. Das Projekt soll noch dieses Jahr abgeschlossen werden.

Einige Meter weiter nördlich tut sich auch etwas: Die Werhahn KG reißt die alten Lagerhallen ab. Ein weiterer Schritt der City in Richtung Wasser. An diesem Übergang von Innenstadt zum Hafen soll auf einem zirka vier Hektar großen Grundstück zwischen Rheintorstraße und Hafenbecken I bald Leben und Arbeiten in einem neuen Quartier möglich werden. Das Thema Baurecht steht für Anfang des kommenden Jahres auf der Tagesordnung. Konkrete Pläne liegen für den südlichen Teil des Westufers vor. Die Ideen stammen vom Neusser Architekten Oliver Ingenhoven, der den Wettbewerb gewann. Blickfang seiner Konzeption ist ein so genanntes Kopfgebäude nahe der Hessentorbrücke. Die Anbindung an die Stadt soll über eine weitere Fußgängerbrücke in Richtung Münsterplatz erfolgen. Zuversicht für die kühne Planung strahlt Klaus Harnischmacher aus. Der ehemalige Chef des Bauvereins und heutige Geschäftsführer der städtischen Stadthafen GmbH gibt an, mit einem „serösen Investor“ in „aussichtsreichen Verhandlungen“ zu stehen. Er wolle bis zum Jahresende Klarheit haben. Die Rathaus-Tochter Stadthafen GmbH ist Eigentümerin der Liegenschaft. Auch für den Stadthafen-Teil der Cretschmar- Hallen habe inzwischen ein Investor großes Interesse angemeldet, sagt Harnischmacher.

Behält der Stadthafen-Geschäftsführer Recht, so wird im nächsten Jahr am Hafenbecken I kräftig gebaut. Auch die Kopfplattform an der Hessentorbrücke und der erste Bauabschnitt der Uferpromenade sollen ab dem 1. April angelegt werden. Die Baugenehmigung werde von der Bezirksregierung erteilt, versichert Harnischmacher, sie habe sich lediglich aus „internen Gründen“ verzögert. Geld und Zuschüsse für das rund zwei Millionen Euro teure Projekt seien bewilligt, „damit Neuss endlich näher ans Wasser rückt“.

 
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