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Neuss
Tanz für alte Hasen und neue Fans

Neuss. Rainer Wiertz als Programmchef gehört zu den "alten Hasen" bei den Internationalen Tanzwochen. Er war schon bei der ersten Auflage 1983 dabei. Von Helga Bittner

Je länger Rainer Wiertz das Programm der Internationalen Tanzwochen verantwortet, desto mehr scheint es ihn zu erstaunen, dass das Format immer noch funktioniert. Und so gut funktioniert. Obwohl "wir kein richtiges Theater haben". Obwohl "wir eine unterdimensionierte Bühne haben". Obwohl "wir in eine Halle mit 1000 Zuschauern einladen". Obwohl "500 davon einen schönen Abend haben und die anderen 500 Avantgarde sehen wollen und neugierig sind". Obwohl "wir die Preise drastisch erhöhen mussten".

Seit 1983 ist er dabei, steht bei der Programmgestaltung jedes Jahr vor dem Spagat, "alte Hasen bei der Stange zu halten und neue Zuschauer zu begeistern". Denn der eigene Anspruch einer "ästhetischen Erziehung" habe dazu geführt, dass die Tanzwochen-Besucher in Neuss schon viel gesehen haben, aber immer wieder etwas Spannendes erwarten.

680 Abonnenten weist die Liste der Tanzwochen-Statsiktik derzeit noch auf, und Rainer Wiertz gibt zu: "Das waren schon mal mehr." Bevor die Preise für die sechs Vorstellungen auf 157,20 Euro (im günstigsten Rang) bis 292,20 Euro (in der teuersten Gruppe) kletterten. Dass die jährliche Auslastung dennoch in der Regel über 90 Prozent liegt, ist vor allem auch dem Einzelkartenverkauf zu verdanken. "Der ist im deutlichen Aufwind", sagt Wiertz, "denn bei diesen Abo-Preisen gibt man seine Karte nicht einfach an den Nachbarn, wenn man zu einem Termin nicht kommen kann." Der Ansturm habe sich nur verlagert, stellt Wiertz zufrieden fest.

Die nächste Spielzeit wird von einer Company eröffnet, die eigentlich nicht Wiertz' Fall war, wie er selber zugibt. Die Compagnia Aterbaelletto aus Italien (Reggio Emilia) war vor vielen Jahren schon mal nach Neuss eingeladen, aber so richtig überzeugt hat sie Wiertz erst, nachdem sie mit Cristina Bozzolini vor zwei Jahren eine neue Chefin bekam: "Sie lädt auch Gäste ein." Die Company mit eigener Schule sei die einzige freie, die sich in Italien außerhalb der Opernballette etabliert habe, ergänzt er. Sie bringen zwei Arbeiten mit, und hinter "Rain Drops" von Johan Inger zu Musik von Tom Waits ist Wiertz schon länger her. Das Cedar Lake Contemporary Ballet aus den USA, das sich im vergangenen Jahr aufgelöst hat, hatte die Choreographie zwar im Programm gehabt, "aber die Rechte nur für die USA erworben".

Auch die Grupo Corpo aus Brasilien war schon mal in Neuss - zuletzt vor 16 Jahren. "Sie hat den Ehrgeiz, modernen Tanz in Südamerika zu zeigen und die Traditionen nicht zu verleugnen", erklärt er. Die Company wird von den Brüdern Paulo und Roderigo Pederneiras geführt, letzterer hat auch "Parabelo" choreographiert, mit dem die Tänzer in der Stadthalle auftreten.

"Total verliebt" hat sich Wiertz in das Stück "Une dernière Chanson" des Malandain Ballet Biarritz. Ballettchef Thierry Malandain gehöre zu den führenden Choreographen Frankreichs und sei einer der wenigen, die neoklassische Vorstellungen vertreten, sagt Wiertz. "Das Ballett macht viel Tanztheater, aber das geht nur in Sälen vor 500 Zuschauern, die Stadthalle ist dafür zu groß."

Dass erneut und zum wiederholten Mal Ailey II aus New York anreist, macht Wierz auch ein bisschen stolz: "Die besten farbigen Tänzer New Yorks!" Das Programm ist noch nicht komplett, da Wiertz noch die Herbstpremieren abwarten will. "In Amerika will kein Veranstalter beim Programm mitreden", erzählt er lachend, "in Europa schon."

Ailey II war erst vor zwei Jahren in Neuss, die "Ballets Jazz de Montreal" haben vor neun Jahren das letzte Mal auf der Bühne der Stadthalle gestanden. Die Choreographie "Mona Lisa" von Itzik Galili gehöre zu den "etwas schwierigen Tanzsprachen", sagt Wiertz, aber verspricht auch: "Die humorvolle Arbeit ,Harry' macht das wieder wett."

Der letzte Gast bei den Tanzwochen 2016/17 ist die Richard Alston Dance Company aus London, die zuletzt 1999 Neuss zu Gast war. "An ihr hängt mein Herz", sagt Wiertz und bedauert, "dass sie in Deutschland unterschätzt wird". Richard Alston gehöre zu den Gründungsvätern des Modernen Tanzes, sei in der Tanzsprache von einer Martha Graham und eines Merce Cunningham geschult, aber "hat sie fortgeführt und seine Company für junge Choreographen geöffnet".

Vier Choreographien bringen die Tänzer mit, alle von Richard Alston (eine in Zusammenarbeit mit Ajani Johnson-Goffe und dem Shukar Collective). Darunter ist auch "An Italian in Madrid", eine Hommage an Domenico Scarlatti, dessen Sonaten live am Klavier gespielt werden.

Quelle: NGZ
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