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Neuss
Toter Junge: Jugendämter verteidigen sich

Neuss. Heute findet die Beerdigung des zu Tode misshandelten Elfjährigen statt. Hätte das Unglück durch bessere Arbeit der Ämter verhindert werden können? In Neuss spricht man in dem Zusammenhang von unrealistischen Erwartungen. Von Simon Janssen

Die Jugendämter in Neuss und Kaarst mussten sich einiges anhören in den vergangenen Wochen. Vor allem in den sozialen Medien wurde nach dem Tod des elf Jahre alten Jörg F. aus Weckhoven, der misshandelt worden war und seinen schweren Verletzungen letztlich erlag, ausgeteilt. Von "Versagen" ist teilweise die Rede. Oder dass nun "Köpfe rollen" müssten. Man wolle die Situation kritisch analysieren, hieß es aus den Verwaltungen, nachdem öffentlich wurde, dass der Onkel, bei dem der Junge zehn Wochen lang wohnte, geständig ist, seinem Neffen die Verletzungen zugefügt zu haben. Doch hätte dieses schreckliche Ereignis seitens der Ämter überhaupt verhindert werden können?

Wie Stadtsprecher Peter Fischer nach Rücksprache mit Jugenddezernent Ralf Hörsken auf Nachfrage mitteilte, könne man sich aus datenschutzrechtlichen Gründen nach wie vor zu dem konkreten Fall nicht äußern. Auf die teils heftige Kritik aus der Öffentlichkeit angesprochen, heißt es jedoch: "Die Erwartungen an Jugendämter stimmen häufig nicht mit den rechtlichen Möglichkeiten und Vorgaben überein. So werden diese der hoch sensiblen Arbeit der Mitarbeiter oft nicht gerecht." Alle Verfahren und Abläufe im Jugendamt würden bereits seit Jahren immer wieder überprüft und weiterentwickelt. Dabei bediene sich das Jugendamt auch externer Beratung.

Von der Stadt Kaarst, wo der zu Tode misshandelte Junge jahrelang bei seinen Großeltern gewohnt hatte, gibt es hingegen konkrete Aussagen zu dem Fall. Man habe sämtliche verwaltungsinternen Vorgänge rund um die betroffene Familie geprüft. "Fest steht, dass der Elfjährige nicht durch die Stadt Kaarst betreut wurde, und eine Kontrolle des Aufenthaltsortes des Jungen somit folgerichtig nicht erfolgt ist", teilte Stadtsprecher Peter Böttner nach Rücksprache mit Jugenddezernent Sebastian Semmler mit. Das heißt: Das Kaarster Jugendamt war nicht darüber informiert, dass der Junge - nachdem seine Großmutter erkrankte - zu seinem Onkel nach Neuss zog, der bereits wegen gefährlicher Körperverletzung im Gefängnis saß.

Eine interne Prüfung des Kaarster Jugendamtes habe laut Böttner ergeben, dass ein Mitarbeiter der Stadt am Rande eines Beratungsgesprächs mit einem Mitglied eines anderen Zweigs der Familie F. im Spätsommer die Information erhielt, die Großmutter und der Elfjährige seien vermutlich nach Weckhoven oder Erfttal verzogen. Diese Information blieb jedoch ohne weitere Bearbeitung, da der Wohnort des Jungen für das Handeln der Stadt - wie bei anderen, nicht durch die Stadt betreuten Familien - keiner Kontrolle unterlag. Semmler: "Zum Zeitpunkt dieser beiläufigen Information musste die Stadt Kaarst davon ausgehen, dass der Junge mit seiner Großmutter aus privaten Gründen den Wohnort gewechselt hat. Erst nach einem Hinweis auf Unregelmäßigkeiten hätte die Stadt tätig werden können - dieser ist jedoch nicht erfolgt."

Auch Susanne Schumann-Kessler betont im Gespräch mit unserer Redaktion: "Es liegt ein hoher Druck auf den Jugendämtern." Die 59-Jährige ist Geschäftsführerin des Vereins Pflege- und Adoptivfamilien (PAN) NRW, dem größten Landesverband für Pflege und Adoptiveltern in Deutschland. Besonders in der Verwandtenpflege sei es schwierig, überhaupt an die Beteiligten heranzukommen. Oft fehle die rechtliche Grundlage. "Wenn etwas passiert, müssen Jugendämter aber letztlich den Kopf dafür hinhalten", sagt die Geschäftsführerin.

Welche Qualen Jörg F. durchlebt haben muss, schilderte seine Mutter jetzt im "Express". So habe er sich das Essen erst mit Arbeit im Haushalt verdienen müssen und sei aufgrund von Schlafentzug völlig übermüdet und entkräftet gewesen. Warum ihr Bruder plötzlich zum mutmaßlichen Mörder wurde - die Ermittlungen dauern an -, könne sie sich nicht erklären.

Quelle: NGZ
 
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