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NGZ-Redakteur testet Neusser Strecke
Tortur de France

Die Tour vor der Tour
Neuss. Das berühmteste Radrennen der Welt wirft seine Windschatten voraus. Am 2. Juli rollen die Profis auch über Hammer Landstraße und Co. Unser Autor hat die Strecke schon mal getestet. Das war jedoch leichter gesagt als gefahren. Von Simon Janssen

Als ich nassgeschwitzt auf den Fahrradtacho blicke, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Mehr als 20 Kilometer habe ich zurückgelegt. Eigentlich sollten es nur gut zwölf werden. Gebraucht habe ich dafür ungefähr so lange, wie manche Kenianer für einen Marathon benötigen - zu Fuß. Ich habe ein Fahrrad. Ich schäme mich.

Einmal Tour-de-France-Luft schnuppern, sich fühlen, als würde man mit dem Gelben Trikot an jubelnden Menschenmengen mit seinem federleichten Hightech-Carbon-Rad über den heißen Asphalt flitzen. Okay, das Gelbe Trikot ist in meinem Fall eine viel zu dicke Jacke, an Stelle von jubelnden Fans heizen stinkende Lkw an mir vorbei und statt auf einem Hightech-Carbon-Flitzer sitze ich auf einem Drahtesel mit einkaufsfreundlichem Gepäckträger, den ich mir von einem Arbeitskollegen leihen musste.

Schöne Aussichten für die Rad-Profis bietet unter anderem der Hafen. FOTO: Simon Janssen

Nicht die besten Voraussetzungen, aber der Auftrag ist simpel: Am 2. Juli rollt die Tour de France durch Neuss. Warum also nicht vorab die Route abfahren, die die durchtrainierten Radsportler durch die Quirinus-Stadt führen wird?

An der Stadtgrenze kurz hinterm Handweiser geht's los. Ich habe eine Mini-Kamera am Lenker platziert, um alles aufzunehmen und das Material später ins Internet zu stellen. Auf den ersten Metern läuft noch alles nach Plan. Ich fahre über den Willy-Brandt-Ring vorbei an der S-Bahnhaltestelle "Neuss Am Kaiser", doch plötzlich werde ich mit dem ersten Problem konfrontiert: Der Radweg lotst mich weg von der eigentlichen Strecke auf dem Willy-Brandt-Ring und führt mich über Königsberger Straße, Floßhafenstraße und Danziger Straße auf die Hammer Landstraße. Wäre ich diese Strecke bei der Tour de France gefahren, wäre ich entweder disqualifiziert worden oder hätte allein aus Mitleid das Gelbe Trikot bekommen. Die offizielle Strecke sieht nämlich vor, dass man vom Willy-Brandt-Ring aus direkt nach rechts auf die Hammer Landstraße abbiegt. Der erste Tiefschlag.

Diese Strecke nimmt die Tour de France durch Neuss. FOTO: Stadt Neuss

Ich fahre zurück ans Ende der Königsberger Straße und bemerke, dass ich statt rechts auf die Floßhafenstraße direkt weiter geradeaus hätte fahren können. Dort verläuft nämlich ein kleiner befahrbarer Weg parallel zum offiziellen Tour-Abschnitt über den Willy-Brandt-Ring. Kurz vor der Kreuzung zur Hammer Landstraße bin ich wieder auf der vorgesehenen Strecke. Aber durch das nervige Umkehren habe ich Zeit verloren. Zudem musste ich die Minikamera zwischendurch neu starten und neu positionieren, weil sie sich durch meine rumpelige Fahrweise gelockert hatte.

Abhaken, weitermachen. Ab der Hammer Landstraße läuft es schon etwas flüssiger. Entspannt passiere ich Traglufthalle und Rennbahnpark. Im Hafen frage ich mich, was die Radsportler denken, wenn ihnen der Geruch der Ölmühlen in die Nase steigt. Ob sie die Schuld auf ihren Vordermann schieben?

Bürgermeister Reiner Breuer hat bereits angekündigt, die Tour mit französischen Freunden auf dem Kehlturm zu verfolgen. Als ich daran vorbei fahre, weiß ich, warum - die Sicht dürfte von dort oben hervorragend sein.

Wenig später frage ich eine Obsthändlerin an der Friedrichstraße, ob sie sich über den prominenten Platz freut, den sie am 2. Juli haben wird. Sie verneint, hofft aber auf einen freien Tag. Vorfreude auf die Tour sieht anders aus. Wenige Meter weiter weiß ein Kioskbesitzer nicht einmal, dass die Tour bald an seinem Büdchen vorbeifahren wird. Er zuckt mit den Schultern, aber bedankt sich für die Info. Nach einem Schlenker über die Kaiser-Friedrich-Straße treffe ich an der Rheydter Straße Kioskbesitzer Anastasios Selalmazidis. Er sei zwar weder Tour-de-France-Fan noch Fahrradfahrer, rechnet aber mit guten Geschäften. "Ich werde ausreichend Ware hier haben. Hoffentlich wird das Wetter gut", sagt er.

Ich habe die Rheydter Straße gerade sehr lieb, denn sie bildet den Abschluss meiner "Tortur de France", auf der ich mich aufgrund mangelhafter Vorbereitung übrigens weitere Male verfuhr. Wo genau, verschweige ich - zu peinlich. Am Ortsausgangsschild nahe des Hauptfriedhofs steige ich ab und wende. Für die Radprofis geht es an dieser Stelle weiter nach Kaarst. Mit Schmerzen am Hintern komme ich an der Moselstraße an. In der Redaktion hänseln mich die Kollegen wegen meines Sonnenbrandes. Das Leben als Radprofi habe ich mir leichter vorgestellt. Nächstes mal muss Doping her.

Quelle: NGZ
 
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