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Neuss
Trainer helfen bei Ausstieg aus der Sucht

Neuss: Trainer helfen bei Ausstieg aus der Sucht
Stephanie Meuter (l.) vom sozialpsychiatrischen Dienst im Gesundheitsamt und Susanne Rückheim von der Drogenberatungsstelle leiten den neuen Kurs. FOTO: Lothar Berns
Neuss. Alkohol, Medikamente, Drogen oder andere Stoffe können abhängig machen. In einem Kurs von Drogenberatungsstelle, Gesundheitsamt und Caritas lernen die Teilnehmer, mit ihrer Sucht umzugehen. Abstinent müssen sie nicht werden. Von Bärbel Broer

Sie fühlt sich befreit: Über 20 Jahre lang führte Sabine* mit ihrer Alkoholsucht ein Doppelleben, hat nie jemandem davon erzählt und ihre Abhängigkeit geheim gehalten. Beim Selbstkontrolltraining (SKOLL), das die Drogenberatungsstelle (Drobs) der Stadt Neuss, der sozialpsychiatrische Dienst im Gesundheitsamt des Rhein-Kreises Neuss und die Caritas Neuss abwechselnd anbieten, lernte sie erstmals, über ihre Sucht zu sprechen.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich mich öffnen könnte", sagt die Endvierzigerin. "Aber in dieser Gruppe, in der Menschen von ihren unterschiedlichsten Süchten erzählten, konnte ich mich auch erstmals mitteilen."

Wer süchtig sei, lebe häufig extrem anonym, erklärt Sabine. "Ich habe immer geglaubt, ich bin nichts wert. Ich traute mich nie, von meiner Sucht zu erzählen. Und ich dachte immer, ich sei komplett alleine auf der Welt mit meinen Ängsten." Beim Selbstkontrolltraining habe sie dann aber erfahren, dass es anderen Suchtkranken häufig genauso ergehe. "Ich bin nicht geheilt", gibt sie zu. "Ich trinke nach wie vor, aber nicht mehr so viel und später am Abend."

Dass die Teilnehmer nicht abstinent sein müssen, sei gerade das Besondere am Selbstkontrolltraining, erklärt Susanne Rückheim, Mitarbeiterin der Drogenberatungsstelle. Sie hat das Training, an dem auch Sabine teilgenommen hat, gemeinsam mit Michael Weege von der Caritas Neuss angeboten. Den neuen Kurs, der am Mittwoch, 12. August, beginnt, begleitet sie gemeinsam mit Stephanie Meuter vom Rhein-Kreis Neuss. Beide haben schon mehrere SKOLL-Kurse durchgeführt und sind überzeugt von dem Konzept, das mittlerweile bundesweit an mehr als 30 Standorten etabliert ist.

Zu dem Selbstkontrolltraining gibt es bislang nichts Vergleichbares. Denn es setzt zum einen keine Abstinenz voraus, zum anderen ist es suchtstoffübergreifend. "Ich hatte schon die unterschiedlichsten Teilnehmer: vom Kiffer bis zum Raucher, vom 19-Jährigen bis zum Rentner", sagt Meuter. Das Spannende sei, dass fast jeder Teilnehmer von den Erfahrungen der anderen profitiere.

Das kann Sabine bestätigen. Bislang hatte sie über Fettleibige eher die Nase gerümpft und abfällige Bemerkungen gemacht. Seit sie aber eine Esssüchtige im Kurs kennengelernt hat, weiß sie, welche Probleme diese mit ihrer Sucht hat. "Jede Sucht hat ihre Geschichte, und wir sitzen alle in einem Boot", hat Sabine erfahren.

Um ganz persönliche Erkenntnisse und den verantwortungsbewussten Umgang mit Suchtstoffen gehe es vor allem beim Selbstkontrolltraining, erklärt Susanne Rückheim. "Das Ziel ist nicht, abstinent werden zu müssen." Wichtiger sei, dass die Teilnehmer erkennen, was sie ändern sollten. Das können verschiedene Faktoren sein. Wohnung, Arbeit, Freundeskreis und Partnerschaft nennt Rückheim als Beispiele.

Auch für Sabine hat sich nach dem SKOLL-Training einiges verändert. Selbstbewusster sei sie geworden und lasse sich nicht mehr alles gefallen, erzählt sie. Zudem hat sich ihr Tagesablauf verändert, denn sie ist wieder ehrenamtlich tätig. Und das Wichtigste: Sie geht mit ihrer Alkoholabhängigkeit anders um. "Ich habe zwar ein Suchtproblem, aber meine Sucht bestimmt nicht mehr meinen ganzen Tagesablauf."

* Name von der Redaktion geändert

Quelle: NGZ
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