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Neuss
US-Wahl: Neusser Blick auf Trumps Sieg

Fotos: So wählte Amerika
Fotos: So wählte Amerika FOTO: afp
Neuss. Ein US-Amerikaner, der in Neuss lebt und für Hillary Clinton in den Wahlkampf zog, Wirtschafts- und Amerika-Experten, die sich um die Beziehungen zwischen den USA und Europa sorgen: Der Wahl-Marathon hinterlässt Spuren. Von Andreas Buchbauer

Als das Ergebnis der US-Präsidentschaftswahl immer deutlicher wird, muss Bill Purcell erst mal schlucken. Der US-Amerikaner, der in Rosellerheide lebt, ist Demokrat durch und durch. Mehr noch: Obwohl er seit 2001 nicht mehr in den Vereinigten Staaten lebt, engagiert er sich nach wie vor politisch. Der 53-Jährige ist Mitglied der "Democrats Abroad". Dabei handelt es sich um die demokratische Vereinigung stimmberechtigter US-Amerikaner, die im Ausland leben. Purcell ist sehr aktiv: Im März hat er von zu Hause aus die "Global Presidential Primary - Vote from Abroad", einen Teil der Vorwahlen zur Entscheidung über den künftigen US-Präsidenten, organisiert. Sein Haus wurde kurzzeitig sogar zu einer Art Wahllokal für im Rheinland lebende US-Demokraten. Jetzt aber muss Bill Purcell schlucken. Die Euphorie ist gewichen, seine Hoffnung auf einen Wahlsieg Hillary Clintons über Donald Trump ist dahin. "Meine Güte", sagt Purcell nur. Er wiederholt diese beiden Worte zwei Mal, als würde er noch um Erklärungen ringen. Dann sagt er: "Ich verstehe nicht, wie die Umfragen so sehr daneben liegen konnten."

Donald Trump, der Kandidat der Republikaner, wird als 45. Präsident der Vereinigten Staaten ins Weiße Haus einziehen, und Purcell sucht Erklärungen - und findet sie so schnell nicht. "Es ist bitter, richtig hart", sagt er. Und er stellt Fragen. "Es war ein so harter Wahlkampf, es wurde so viel gesagt, aber wir wissen nicht, was Trump wirklich denkt, und was er machen wird."

Es ist eine Frage, die sich auch Thomas Schommers stellt. Er ist Vorsitzender der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft Neuss und äußert er sich in dieser Eigenschaft nicht politisch. Aber natürlich hat Schommers auch eine private Meinung - und er war jemand, der den Umfragen nicht getraut hat. In den Tagen vor der Wahl, als die Umfragen einen knappen Sieg Hillary Clintons orakelten, hatte er Trump immer noch auf der Rechnung. Dafür spürte Schommers durchaus Kritik. "Ich teile Trumps Ansichten ganz und gar nicht", stellt er klar. "Aber ich habe viele Kontakte in die USA. Und nach allem, was ich bei Facebook, Instagram oder in Gesprächen mitbekommen habe, war die Wahl für mich eine 50:50-Situation." Amerika stehe nun an einem Punkt, da sich das Land darauf verständigen müsse, was es will - auch wirtschaftspolitisch. Gräben überwinden, die Schere zwischen Arm und Reich schließen, das seien die zentralen Aufgaben. Das Land müsse sich wieder mehr um sich selbst kümmern, gesellschaftlich, aber auch mit Blick auf die Infrastruktur. Für Hillary Clinton sei die Niederlage wie eine doppelte Ohrfeige.

Jürgen Steinmetz, Hauptgeschäftsführer der IHK Mittlerer Niederrhein, hatte hingegen mit einem Wahlsieg der Demokratin gerechnet. Er zeigt sich überrascht von Donald Trumps Sieg bei den Präsidentschaftswahlen in den USA. "Wie viele andere Beobachter habe auch ich damit nicht gerechnet", sagt Steinmetz. Die Stimmung sei etwas gedrückt. "Für die Außenhandelsunternehmen am Niederrhein sind die USA ein wichtiger Partner, daher verfolgen wir die wirtschaftspolitischen Entwicklungen dort mit großem Interesse." Und durchaus auch mit Sorge. Denn derzeit sei schwer abzusehen, welchen wirtschaftspolitischen Kurs Washington demnächst einschlagen wird. "Mehr Protektionismus und weniger Freihandel sind für fruchtbare Handelsbeziehungen sicherlich nicht förderlich", betont Steinmetz. "Ich gehe aber davon aus, dass wesentliche Säulen der internationalen Zusammenarbeit von der neuen US-Regierung nicht aufs Spiel gesetzt werden."

Das jüngste Außenwirtschaftsbarometer Mittlerer Niederrhein der IHK belegt den Stellenwert der Vereinigten Staaten für die hiesige Wirtschaft. Für die auslandsaktiven Industrieunternehmen in der Region sind die USA ein bedeutender Export- und wichtiger Zukunftsmarkt. Rund 125 amerikanische Unternehmen haben einen Standort am Mittleren Niederrhein - darunter zum Beispiel 3M, UPS, Johnson & Johnson und Goodrich.

Der Neusser Wirtschaftsprofessor Paul Welfens, der an der Uni Wuppertal lehrt, sieht den Westen durch Trumps "America First"-Strategie vor Problemen. Unsicherheiten auf den Finanzmärkten seien absehbar - "mit Aktienkursrückgang und Ölpreis- sowie Dollarverfall in erster Reaktion". Zu den wirtschaftlich größten Gewinnern der Wahl zähle Trump selbst, "dessen Immobilien- imperium wohl mit dem Markenwert des politisch veredelten Namen Trump um etwa eine Milliarde im Wert gestiegen" sei.

Quelle: NGZ
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