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Neusser Woche
Verrückt: Menschen an Politik interessiert

Neuss. Die neue Lust an Politik - entstanden als Reaktion auf den Brexit und Trump, hat spätestens mit der Landtagswahl auch die politische Basis erreicht.

Waren es zunächst übergeordnete politische Ziele wie die Sorge um die Zukunft der EU, die Menschen in Bewegungen wie "Pulse of Europe" auf die Straße trieben, stehen Parteineulinge und -wiedereinsteiger nun plötzlich zusammen mit alten Kämpfern aus der Parteibasis am Infostand.

Parteien verzeichnen nach Jahren, in denen manche das Parteiensystem schon zum Auslaufmodell erklärt hatten, wieder Neueintritte. Und jetzt kommt das Verrückte: Da tauchen plötzlich Leute auf, die nicht nur Entscheidungen und Kandidaten abnicken wollen. Es kommen neue Mitglieder, die ernsthaft mitmischen wollen. Das wird - quer durch die Parteien - zu Recht bejubelt, kann allerdings noch anstrengend werden.

Wenn "die Neuen" ihre Ideen einbringen und diese möglicherweise auch noch mit Amt und Mandat umsetzen wollen, konkurrieren sie mit denen, die seit Jahrzehnten den Weg durch die Mühlen der Parteistrukturen gegangen sind. Die Herausforderung für Parteien, die Neumitglieder halten und zum Weitermachen motivieren wollen, wird es sein, dafür zu sorgen, dass sich die Neuzugänge ernst genommen fühlen. Die neue Begeisterung für Politik ist kein Selbstläufer.

Sie muss - im positiven Sinne, ein Brexit reicht - befeuert werden, wollen Parteien und Demokratie davon profitieren. Politische Teilhabe und Mitgestaltung funktioniert im digitalen Zeitalter allerdings anders als es in vielen Ortsvereinen und -verbänden noch immer geübte Praxis ist. Wer Menschen für Veränderungen interessieren und begeistern, wer Protest organisieren, Ideen unters Volk bringen oder Kritik üben will, kann das mit den Sozialen Medien zunächst auch komplett ohne die Parteien auf eindrucksvolle Weise.

Die Parteien stehen vor der Aufgabe, diesen Schwung zu nutzen und zu beweisen, dass das Politik- und Parteiensystem einen Mehrwert bietet: Es ist in der Lage, aus Ideen Entscheidungen zu machen. Wenn dies gelingt, erleben wir vielleicht, dass die Schwarzseherprognosen, die angesichts des vermeintlich tiefgreifenden politischen Desinteresses der Social-Media-Generation schon von einer Demokratie-Krise sprachen, eines Besseren belehrt werden.

Könnte klappen, geht aber nicht ohne Bereitschaft zu Veränderung. frank.kirschstein@ngz-online.de

Quelle: NGZ
 
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