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Wilfried Kruse
Verwaltung 4.0: "Man muss nur wollen"

Neuss. Die Digitalisierung der Wirtschaft 4.0 wird nur funktionieren, wenn die Kommunalverwaltung mitzieht, sagt der Experte.

Sie haben den Begriff Verwaltung 4.0 erfunden. Was meinen Sie damit?

Kruse Das war nach der Cebit 2013, der weltgrößten Messe für Informationstechnologie. Dort wurde Industrie 4.0 zu dem alles beherrschenden Trend. Es bedeutet so etwas wie die vierte industrielle Revolution: Maschinen und Systeme werden miteinander vernetzt und kommunizieren intelligent miteinander. Das ist keine Science-Fiction, das gibt es heute schon. Industrie 4.0 wird aber nur funktionieren, wenn sich die öffentliche Verwaltung ebenfalls digitalisiert und weiterentwickelt zu Verwaltung 4.0 - sie ist heute mittlerweile bundesweit in aller Munde.

Was meinen Sie konkret damit?

Kruse Unser aller Wohlstand beruht auf dem Erfolg und der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Die digitale Industrie 4.0 braucht eine funktionierende Infrastruktur. Dafür sorgen auch die 4,6 Millionen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst. Ein Beispiel: Die tollste High-Tech-Firma bekommt Probleme zum Beispiel mit ihren Zulieferern, wenn eine Baustelle plötzlich die Just-in-Time-Zufahrt blockiert. Oder Rheinbrücken gesperrt werden müssen, weil sie marode sind und große Logistikprobleme die Folge sind. Die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst müssen lernen umzudenken: Welchen Service brauchen die Unternehmen am Standort, um im internationalen Wettbewerb erfolgreich zu sein? Das ist aber in Deutschland - noch - nicht üblich. Ich war 40 Mal als Düsseldorfer Wirtschaftsdezernent in Asien und habe gesehen, welche Dynamik dort herrscht und was Made-in-Germany im globalen Wettbewerb in Zukunft erwartet.

Mir fällt es immer noch schwer, mir unter Verwaltung 4.0 etwas konkret vorzustellen.

Kruse 2008 habe ich als Dezernent der Stadt Düsseldorf das "Virtuelle Mittelstandsbüro" kreiert. Dort waren 200 kommunale Dienstleistungen gebündelt und 140 Formulare integriert, alles mit wenigen Klicks, in Teilen sogar medienbruchfrei, also vom Antrag bis zur Bezahlung komplett elektronisch abwickelbar. Unter anderem die voll elektronische Gewerbeanmeldung, in der letzten Woche übrigens von Ministerpräsident Laschet im Landtag jetzt als digitales Projekt für ganz NRW angekündigt. Damals war das einzigartig in ganz Deutschland. Dafür hat die Stadt Düsseldorf eine Auszeichnung im EU-Wettbewerb "European Public Sector Award" bekommen - 130 Städte hatten sich seinerzeit europaweit mit ihren Ideen beworben.

Glückwunsch. Und wie ging es weiter?

Kruse Wir haben das "Virtuelle Mittelstandsbüro" damals an vielen Stellen in Deutschland und auch in Slowenien, Österreich und Dänemark präsentiert. Die waren begeistert und haben daraus auch für sich selbst weitere Ideen generiert.

Und was ist mit Düsseldorf?

Kruse Dort gibt es das "Virtuelle Mittelstandsbüro" aus 2008 als solches heute so nicht mehr - leider.

Woran haken die Unternehmensservices generell heute aus Ihrer Sicht?

Kruse Nicht am Geld oder an der Technik, sondern an "traditioneller" Denke noch zu vieler Verantwortlicher. Die Verwaltung erbringt ja Leistungen an ganz vielen Stellen. Das Thema "E-Government" ist aber noch zu sehr auf elektronische Bürgerservices verengt. Ein Bürger hat im Durchschnitt nur etwa 1,5 Mal im Jahr Kontakt mit seinem Rathaus. Unternehmen haben aber einen zig-fach höheren Bedarf an ihrem Standort. Eine Wirtschaftsförderung 4.0 - wie die gesamte Verwaltung 4.0 - muss schnell, kostengünstig und möglichst medienbruchfrei für die Unternehmen am Standort arbeiten und ihre Dienste liefern, damit Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit und Steuern gesichert sind. Das Wichtigste ist: Ich muss mir als Verwaltung die Sicht meines Kunden zu eigen machen. Deshalb muss Digitalisierung und E-Government, seit 2016 in NRW Gesetz, Chefsache sein - und nicht ein Problem der Datenverarbeitung oder der IT-Abteilung, wie es heute häufig noch gesehen wird.

Das klingt wenig ermutigend. Tut sich denn gar nichts?

Kruse Doch durchaus. Als ich 2012 die Leitung des Behörden-SpiegelKongresses "e-NRW" übernahm, hatten wir 80 Teilnehmer. Jetzt am 9. November in Neuss erwarten wir mehr als 500 Fachleute und Entscheider aus dem kommunalen und dem Landesbereich. Ein deutliches Zeichen, dass der Handlungsbedarf zunehmend erkannt wird. Die Stadt Monheim am Rhein zum Beispiel hat ehrgeizige Ziele (Monheim 4.0). Wir, das Institut IVMhoch2, haben dazu eine Studie erstellt, wie das gelingen könnte. Auch der Rhein-Kreis Neuss denkt über eine Digitalstrategie nach, nach Möglichkeit gemeinsam mit seinen Städten und Gemeinden. Und, ganz aktuell: Seit einigen Tagen gibt es ein digitales Bürgerservicekonto in NRW. Nach der Registrierung soll man damit eine Reihe von kommunalen Dienstleistungen überall ab 2018 in Anspruch nehmen können. Das müsste es in Zukunft auch für Unternehmen geben.

Was kostet denn so etwas?

Kruse Seinerzeit in Düsseldorf haben wir etwa 30.000 Euro in die Hand genommen, um das "Virtuelle Mittelstandsbüro" zu erstellen. Wenn man sich in kommunaler Kooperation auf den Weg macht, wären das vergleichsweise für den Kreis Mettmann mit seinen zehn Städten rund 3000 Euro pro Kommune für eine gemeinsame Strategieentwicklung gewesen. So etwas muss nicht jede Stadt allein machen, da kann man sich mit anderen zusammentun. Der Kreis Groß-Gerau in Hessen mit zwölf Städten macht das beispielsweise so und will in diesem Jahr eine kooperative IT-Strategie, arbeitsteiliges E-Government für Bürger und Unternehmen an den Start bringen. Auch in NRW ist Kooperation zunehmend ein Thema. Das Rechenzentrum in Lemgo und die Region Ostwestfalen-Lippe - drei Kreise mit 39 Kommunen - planen ähnliches. 2008 war ich an der Gründung des Zweckverbands ITK Rheinland federführend beteiligt. Er betreut die kommunale Datenverarbeitung für Düsseldorf, den Rhein-Kreis Neuss, seine Städte sowie für Mönchengladbach. Das funktioniert gut und wirtschaftlich für alle. Man muss das alles nur wollen und dann auch machen - am besten auf gemeinsamer und transparenter Vertrauensbasis.

CHRISTOPH SCHMIDT FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: NGZ
 
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