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Neuss
Viele Häfen - ein Hinterland

Neuss. Die Binnenhäfen an Rhein und Maas sollen endlich zusammenarbeiten, um die Region als Seehafenhinterland zu stärken. Das ist ein Ergebnis des Forschungsprojektes HARRM. Von Andreas Gruhn

Dass aus Konkurrenten schnell Kooperateure werden können, das ist in der Wirtschaft gar nicht so ungewöhnlich. Das passiert nämlich dann, wenn alle Beteiligten darin einen Vorteil sehen. Politiker schwärmen dann von Synergien, Ökonomen nennen das Effizienz und hoffen auf bessere Zahlen.

Die Binnenhäfen in Deutschland und den Niederlanden sollten dringend ebenfalls besser zusammenarbeiten. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Hochschule Neuss für internationale Wirtschaft und der Fontys Hogeschool in Venlo in ihrem Abschlussbericht des Forschungsprojektes HARRM. Dieses Kürzel steht für Hafenregion Rhein-Maas. Die Forscher sollten unterstützt mit Forschungsgeldern unter anderem der EU aufzeigen, wie eine bessere Zusammenarbeit der Binnenhäfen und die damit verbundene Erschließung als Seehafenhinterland funktionieren kann.

Zentrales Ergebnis der gut 70-seitigen Studie, die in voller Pracht erst in der kommenden Woche veröffentlicht wird, ist: "Gerade die Kooperation der Häfen besitzt einen hohen Nutzen sowohl für Logistikunternehmen als Kunden der Häfen, aber auch für die Häfen als Anbieter." Das Projekt fungiert nach seinem Abschluss nun als eine Art Plattform im Netz für Häfen und Logistiker. Man könne den weiteren Prozess durchaus begleiten. Details zu der Studie und insbesondere zur Stärken-Schwächen-Analyse der beteiligten Häfen (bei denen mit Duisburg der größte Binnenhafen der Welt allerdings fehlt), wurden bisher nur vereinzelt genannt.

Als Schwäche des Neuss-Düsseldorfer Hafens haben die Forscher vor allem den - nicht unbedingt selbst verschuldeten - Umgang mit Stakeholdern ausgemacht. Darin wird zusammengefasst, wie reibungslos beispielsweise die Zusammenarbeit mit Nachbarn, Anliegern oder anderen Interessenten in der Umgebung läuft. Da haben sowohl Neuss als auch Düsseldorf Probleme, meinen die Forscher. In Düsseldorf bestehen Konflikte mit Anwohnern im südlichen Stadtteil Reisholz, weil die Hafengesellschaft dort gerne eine mehr als 50 Hektar große Fläche für Hafen, Logistik, Massengüter und Container bauen würde. Und in Neuss hat die Stadt auf dem Areal Münsterschule eine Baugenehmigung für Wohnungen erteilt in direkter Nachbarschaft zum Hafen. Die dortigen Industriebetriebe sorgen sich deshalb um ihre Produktionsbedingungen im Hafen, wenn künftige Anwohner sich belästigt fühlen könnten. Deshalb läuft vor dem Verwaltungsgericht eine Klage. Beides drückte die Bewertung der Neuss-Düsseldorfer Häfen in diesem Punkt. "Es gibt in Deutschland die Tendenz, Häfen immer mehr in Richtung Kultur und Wohnen zu nutzen statt industriell. Das gibt es in den Niederlanden so nicht", sagt Karl-Georg Steffens, Professor und Forschungsdirektor an der Hochschule Neuss. "Das stufen wir als Risiko ein."

Die Neuss-Düsseldorfer Häfen punkten in der Analyse vor allem mit der guten Aktivität am Markt, mit der exzellenten Erreichbarkeit und mit der vorhandenen Supra- und Infrastruktur. Neuss hat viele Terminal- und Löschanlagen, aber wenig Flächen direkt im Hafengebiet. Andere Häfen könnten da aushelfen. "Die Frage ist, wie kann man dort die Fläche und hier die Infrastruktur zusammen nutzen", sagt Steffens. Neuss könne eine besondere Rolle spielen im Hinterland der Seehäfen, sagte Steffens. "Es gibt im Rhein-Kreis Neuss die Möglichkeit, Flächen als Seehafenhinterland auszuweisen und über die Häfen zu erschließen", so die Forscher.

Wie das funktionieren könnte, war Bestandteil eines zweiten Teils des Projektes. Darin ging es um die Synchromodalität - bei dem Konzept wird in Logistikprozessen automatisch das richtige Verkehrsmittel zur richtigen Zeit gewählt, um so neue Einsparspotenziale zu erschließen. Deren Ergebnisse werden ebenfalls am kommenden Mittwoch vom Fontys-Forschungsdirektor Hans Aarts vorgestellt.

Die Neusser Hafengesellschaft hat mit den Hochschulen wie viele andere Partner auch kooperiert. "Aus unserer Sicht ist das Projekt sehr interessant", sagte Hafensprecher Thomas Düttchen. "Wir können noch nicht sagen, wie eine Kooperation aussehen könnte." Für die Forscher ist der erste Schritt aber gemacht: Man redet drüber.

Quelle: NGZ
 
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