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Hedwig Claes
"Vielen Frauen droht Altersarmut"

Neuss. Neuss Seit rund 100 Tagen ist Hedwig Claes (54) ehrenamtliche Gleichstellungsbeauftragte des Rates der Stadt Neuss. Jeden dritten Montag im Monat bietet sie von 16.30 Uhr bis 18 Uhr im Rathaus eine Sprechstunde an. Hauptberuflich leitet sie eine Seniorenbegegnungsstätte der Diakonie in Düsseldorf. Wir sprachen mit ihr über Altersarmut, Rentenansprüche und Frauen in Führungspositionen.

Frau Claes, Sie sind jetzt rund 100 Tage im Amt. Gibt es ein Thema, das Sie besonders bewegt?

Hedwig Claes Ich habe viele Ideen im Kopf, aber auf einen Schwerpunkt werde ich mich besonders konzentrieren: Frauen und Rente. Ich möchte Frauen sensibilisieren, sich ganz realistisch mit ihrer Rente und dem Unterhaltsrecht auseinanderzusetzen. Jede Frau wünscht sich, dass ihre Ehe ein Leben lang hält, doch die Realität sieht anders aus. Dass vielen Frauen nach einer Scheidung oder einer langen Familienzeit die Altersarmut droht, finde ich dramatisch. Deshalb werde ich zu diesem Thema auch eine Info-Veranstaltung anbieten.

Es gibt Frauen, die sich bewusst für die Rolle der Hausfrau und Mutter entscheiden. Können Sie das nachvollziehen?

Claes Solange die Kinder klein sind, ja. Frauen sollten selbst entscheiden, was sie tun. Allerdings sollten sie dabei ihre Rentenansprüche im Blick behalten, denn es geht schließlich um ihre finanzielle Absicherung. Und unsere Gesellschaft funktioniert nicht so, dass Fürsorge-Arbeiten wie Kindererziehung oder die Pflege der Eltern adäquat entlohnt werden.

Werfen wir einen Blick nach Neuss. Wie sieht es dort mit der Gleichstellung aus?

Claes Frauen haben generell einen Nachholbedarf bei der Besetzung von leitenden Stellen und Führungspositionen. Das ist in Neuss nicht anders. Nehmen wir allein die Stadtverwaltung: Je höher die Stellen dotiert sind, desto weniger Frauen sind vertreten. Unter den sechs Dezernenten befindet sich nur eine Frau. In den unteren Gehaltsgruppen ist es genau umgekehrt: Dort arbeiten überwiegend Frauen, und viele davon in Teilzeit. Und aus einer Teilzeitbeschäftigung resultiert wiederum eine niedrigere Rente.

Welchen Handlungsbedarf sehen Sie?

Claes Familienfreundliche Arbeitszeiten und Homeoffice-Arbeitsplätze sind ein Schritt in die richtige Richtung. Aber auch nach der Kindergarten-Zeit muss die Betreuung weiter gesichert sein. Deshalb bin ich froh, dass wir im Schulausschuss beschlossen haben, die OGS-Plätze weiter auszubauen. Das sind die Voraussetzungen dafür, dass Frauen berufstätig sein können.

Spielen Männer bei der Gleichstellung auch eine Rolle?

Claes Auf jeden Fall. Die Gleichstellung ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, und die funktioniert nicht ohne Männer. Es geht aber auch um gleiche Rechte und Chancen. Zum Beispiel bei der Kinderbetreuung. Für Männer bedeutet es häufig einen Karriereknick, wenn sie zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Der Karriereknick für Frauen ist aber ungleich größer. Kinderbetreuung muss auch für Männer selbstverständlicher werden.

Inwieweit bestimmt die Integration von Frauen mit Migrationshintergrund Ihre Tätigkeit?

Claes In Neuss gibt es mehrere Anlaufstellen für Frauen mit unterschiedlichem Zuwanderungshintergrund. Ein Beispiel ist die Fraueninitiative "Puzzle". Gerne würde ich mit diesen Vereinen und Initiativen kooperieren.

Ist die aktuelle "MeToo"-Debatte auch bei Ihnen angelangt?

Claes Bisher noch nicht. Wenn aber eine Frau mit dieser Problematik an mich herantritt, werde ich mich kümmern.

Was wünschen Sie sich als Gleichstellungsbeauftragte für die kommenden Jahre?

Claes Viele gute Gespräche und interessante Begegnungen mit Frauen. Es ist mir wichtig zu erfahren, was Frauen in Neuss bewegt. Dazu biete ich ja auch meine Sprechstunden an. Darüber hinaus möchte ich Frauen besser vernetzen. Ein Wunsch wäre auch, dass mehr Frauen in Führungspositionen gelangen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE MARION LISKEN-PRUSS.

Quelle: NGZ
 
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