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Neuss
Vom Luxusschiff zur Pâtisserie in Neuss

Neuss. Heidi Steven war acht Jahre lang auf den Weltmeeren zu Hause. Heute betreibt die Konditormeisterin ihre eigene Pâtisserie. Von Andreas Buchbauer

Vor Kap Hoorn gibt's immer auf die Mütze. Das Meer ist wild vor der Südspitze Südamerikas, oft peitschen mächtige Wellen auf die Kreuzfahrt- und Expeditionsschiffe ein, die eines der faszinierendsten Reiseziele der Welt ansteuern - die Antarktis. Für Touristen an Bord ist die Fahrt häufig kein Zuckerschlecken. Das Schaukeln und Stürmen auf dem Meer lehrt sie: Uargh, so fühlt sich Seekrankheit an. Heidi Steven kennt die Tücken der See, acht Jahre lang waren die Weltmeere ihr Zuhause. Als Chef-Pâtissier hat die Konditormeisterin zunächst vier Jahre auf Expeditionsschiffen gearbeitet, später hat sie die Welt auf Luxus-Linern umrundet. Heute ist sie in Neuss daheim - und hat sich mit ihrer "Pâtisserie Perfekt" auf dem Dammer Hof in Bettikum eingerichtet.

An drei Tagen pro Woche verkauft Heidi Steven im Hofladen ihre Leckereien. In der Auslage werden gerade eine sizilianische Zitronentarte, französische Chocolate Gateau und ein New York Cheese Cake angerichtet, auch ein Frankfurter Kranz ist dabei. "Von wegen altbacken - der ist ein echter Renner", sagt Heidi Steven. Nebenan im Regal stehen Pralinen und Teegebäck. "Am liebsten mache ich aber Eis und Sorbets."

Der Sprung in die Selbstständigkeit sei nicht leicht gewesen, räumt Heidi Steven ein. Damals, im Frühjahr 2014, musste sie ihr Geschäft erst mal ans Laufen kriegen. "Es war schwierig, keine Frage", sagt die 43-Jährige. "Nach den ersten vier Wochen saß ich da und dachte: Das war der totale Schuss ins Knie." Ans Aufgeben verschwendete sie jedoch keinen Gedanken. Mit Leidenschaft und großem Engagement setzte sie ihren Traum von der Selbstständigkeit weiter um.

Die Beharrlichkeit zahlte sich aus. Mit ihren kleinen Köstlichkeiten machte sich Heidi Steven zunehmend einen Namen, vor allem dank Weiterempfehlungen ihrer Kunden. Inzwischen konnte sie sogar expandieren: Im August 2015 hat sie die Konditorei und Vinothek "La Corte" in Düsseldorf-Benrath übernommen und bildet mittlerweile aus. Mit ihrer "Pâtisserie Perfekt" hebt sich Heidi Steven mit ihren Produkten von der Masse ab - und ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich das klassische Konditorenhandwerk nach wie vor lohnen kann. Kreishandwerksmeister Rolf Meurer betont, dass ein Alleinstellungsmerkmal der Schlüssel zum Erfolg ist. "In der Nische lebt es sich gut", sagt Meurer.

Beim Sprung in die Selbstständigkeit nahm Heidi Steven bewusst Unterstützung in Anspruch. Sie wandte sich an Petra Tappertzhofen, die mittelständische Unternehmen und Existenzgründer berät. "Eine solche Begleitung war Gold wert", meint Steven. Gerade anfangs beim Erstellen eines Businessplans sowie in Finanzierungsfragen oder bei Gesprächen mit Banken habe sie von der Erfahrung ihrer Beraterin profitiert. Manche Tücke konnte so umschifft werden. In ihrem neuen Leben nach der Seefahrt fühlt sich Heidi Steven wohl. Mit ihrer "Pâtisserie Perfekt" betreibt sie eine von - laut Kreishandwerkerschaft Niederrhein - lediglich drei reinen Konditoreien in Neuss. Zudem gibt es 13 Betriebe, die Bäckerei und Konditorei miteinander verbinden.

Die Zeit auf dem Meer möchte sie nicht missen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie etwas vermisst. "Ich bin achteinhalb Mal um die Welt gefahren", sagt Heidi Steven. "Irgendwann hat man das Gefühl: Man verlernt die Fähigkeit, an Land zu leben." Genau das wollte sie jedoch nicht. Ihre letzte Dienstfahrt an Bord führte sie von Hamburg nach Kapstadt. Dann ging es auf den Dammer Hof. "Das war die absolut richtige Entscheidung."

Quelle: NGZ
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