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Neuss
Von Barockmusik fasziniert

Neuss. Der 47-jährige Geiger Jürgen Groß hat noch als Student das Barockorchester Elbipolis gegründet. Das Hamburger Ensemble ist im Zeughaus zu Gast und kommt mit "Tafelmusiken aus Wien und Versailles" nach Neuss. Von Helga Bittner

Dass der Name seines Orchesters zumindest in der Aussprache einige Variationen offen lässt, ist Jürgen Groß klar. Aber, so sagt er lachend, damit könne er gut leben. Elbipolis heißt das Barockorchester aus Hamburg, das am kommenden Montag im Zeughaus spielt, und Jürgen Groß regt an, es wie "Metropolis" zu betonen. 1999 hat der Musiker das Orchester gegründet: "Sehr ambitioniert, weil ich fand, dass Hamburg gut ein Barockorchester gebrauchen könnte", sagt er und lacht.

Es hat sich gelohnt. Rund 30 Konzerte pro Jahr kommen für das Orchester, das auf 40 Instrumentalisten anwachsen kann, locker zusammen. Zahlreiche Musiker stammen noch aus der Gründungszeit, aber dennoch gibt es immer wieder Neuzugänge, weil jemand das Orchester verlässt. Wie jetzt im Falle des Cellisten James Bush. "Er geht zurück nach Neuseeland", sagt Groß seufzend, "in Neuss spielt er mehr oder minder das letzte Mal mit. Das wird ein schwerer Abschied!"

Konzertmeister Groß teilt sich die Verantwortung für das Orchester mit zwei weiteren Kollegen. Einer davon ist Cembalist Jörg Jakoby. Er habe auch das Programm "Tafelmusiken aus Wien und Versailles" für das Zeughaus zusammengestellt, sagt Groß, und erzählt dann begeistert davon, dass Jakoby die Kompositionen von Michel Richard de Lalande "pour les soupers du Roy" (für die festlichen Abendessen des Königs) am Hofe des Sonnenkönigs Ludwig XIV. für fünf Stimmen rekonstruiert habe. "Die Musik an sich war bekannt", sagt Groß, "aber nur in einer dreistimmigen Fassung." Gleiches gilt für die drei auf dem Programm stehenden Kompositionen von Kaiser Leopold I. (1640-1705), der zudem mehrere Instrumente spielte und Dirigent seines Kammerorchester war.

Dass die Tafelmusik aber nicht ausgesprochen adventlich ist, gibt Groß gerne zu. Aber er verspricht: "Feierlich ist sie, denn sie wurde für festliche Essen geschrieben."

Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert hat den Musiker schon als Student fasziniert. Sie steht zwar nicht ausschließlich auf dem Spielplan des Hamburgers, aber ihr gilt sein Hauptaugenmerk. Deswegen hat er sich für die Barockgeige entschieden, deswegen spielt das Elbipolis auf historischen Instrumenten. "Nur die Blasinstrumente sind Nachbauten", sagt er. Auf jeden Fall ist in Neuss ein Paukist dabei, denn in der Sonata à 7 von Ferdinand Tobias Richter (1651-1711) stecken "tolle Paukensoli".

Wenn der 47-Jährige mal nicht auf einem Podium steht, unterrichtet er. In Hamburg, wo er auch geboren ist, hat er eine kleine Musikschule - Geige und Musikpädagogik hat er schließlich studiert. Da bleibt es wohl kaum aus, dass seine beiden eigenen Kinder, sieben und zwei Jahre alt, mit Musik aufwachsen. Diverse kleine Geigen gibt es im Groß'schen Haushalt schon, aber für Groß ist es wichtig, das jedes Kind seinen eigenen Weg findet. "Mein Großer will derzeit Rock-Gitarrist werden", erzählt der Vater amüsiert und ergänzt: "Wenn es das ist, dann ist es eben so."

Auf keinen Fall will er ihnen Steine in den Weg legen. "Das wichtigste ist, dass die Wahl freiwillig und individuell entschieden wird", sagt er bestimmt. Groß selbst ist erst in der Schule zur Geige gekommen, wurde durch einen engagierten Musiklehrer gefördert. "Ihm bin ich heute noch dankbar", sagt er, "und wir sind auch längst befreundet."

In die Wiege war ihm die musikalische Karriere nicht gelegt worden. Er stamme aus einer Handwerkerfamilie, aber mit einer klassikbegeisterten Mutter, erzählt er. Nachdem er als als Schüler seine erste Geige in der Hand gehalten hat, habe er sie nie mehr losgelassen, sagt er lachend. Und sie ihn wohl auch nicht: "Die Geige ist einfach das richtige Instrument meiner Ausdrucksmöglichkeiten." Alles weitere habe sich dann ganz natürlich und ohne Druck entwickelt.

Quelle: NGZ
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