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Analyse
Von Politik und Macht versenkt

Analyse: Von Politik und Macht versenkt
Neuss. Mit dem Nein des Stadtrats zur Jugendstil-Schenkung ist das Thema Erweiterung des Clemens-Sels-Museum nur vordergründig abgeschlossen. Es kommt wieder auf die Tagesordnung - wenn der Deilmannbau seine Funktion nicht mehr erfüllen kann. Von Helga Bittner

Auch sechs Tage nach der Zurückweisung einer Kunstschenkung, die nicht nur das städtische Vermögen um mindestens 35 Millionen Euro erhöht, sondern auch das Clemens-Sels-Museum gesichert hätte, hört das fassungslose Kopfschütteln nicht auf. Bei den Kämpfern für die Jugendstil-Sammlung sowieso, aber auch bei jenen, die der ganzen Sache weniger leidenschaftlich gegenüberstehen, gleichwohl diese Sammlung als einen richtigen, weil zukunftsweisenden Schritt gesehen haben.

Die Abstimmung im Rat war geheim und demokratisch. Stimmt. Aber das Signal bleibt verheerend. Die Stadt hat die auf sehr, sehr viele Jahre einzige Chance vertan, ihr Kulturleben um eine einmalige Facette zu bereichern, die ihr Ansehen um ein Mehrfaches gesteigert, den Standort ganz wesentlich gestärkt hätte. Dabei haben die Politiker die Augen nicht allein vor einer Chance verschlossen, sondern auch vor einer bitteren Notwendigkeit.

Denn das Clemens-Sels-Museum, genauer: der Deilmann-Bau, ist als Kunstmuseum ein Auslaufmodell. Technische Probleme können für eine Weile vielleicht noch kurzfristig behoben, aber nicht dauerhaft gelöst werden. Es kommt der Tag, an dem die Kunst dort ausziehen muss. Was dann? Abriss? Oder nur noch Hülle für Stadtgeschichte und Archäologie? Was passiert dann mit der Kunstsammlung? Neubau oder nicht? Wenn ja, wo und wie teuer? Auf die Diskussion kann man schon jetzt gespannt sein.

Hoffentlich wird dann im Rat mit mehr Leidenschaft für die Kunst gekämpft. Denn was zur aktuellen Entscheidung von den Fraktionsvorsitzenden geboten wurde, war ein Trauerspiel. Helga Koenemanns Rede für die CDU war zwar inhaltlich fundiert, aber blutleer vorgetragen. Arno Jansen (SPD) beschwichtigte auf klassische Politikerart, wie toll doch die Diskussion an sich schon gewesen sei. Michael Klinkicht (Grüne) gab sich nach 17 Jahren im Neusser Rat die Blöße, dass er erst jetzt mit dem Stichwort Symbolismus (dem Schwerpunkt einer Kultureinrichtung seiner Stadt!) etwas anfangen könne.

Und es mutet doch wie ein Treppenwitz der Stadtgeschichte an, dass ausgerechnet die Linke in Person von Roland Sperling die Bildungsarbeit des Museums beschwört und an seine Kollegen der bürgerlichen Parteien (und die Grünen gehören längst dazu) appelliert: "Worum es wirklich geht, ist, einen Lernort zu schaffen, der Einsichten und Emotionen weckt, Sinn stiftet, Motivation liefert zur eigenen Formung und Kreativität. Und da sollten wir vor allem an unsere heutige Jugend denken."

Die Kulturpolitiker aller Parteien hatten das getan und sich in ihrem Fachausschuss nach heftigem Ringen wegen der Finanzierung für ein Ja zur Sammlung ausgesprochen. Im Rat haben sie dafür eine Klatsche bekommen - was aber im Grunde alle Fachausschüsse meint. Denn welchen Wert haben ihre Diskussionen, ihre Entscheidungen noch, wenn der Rat sie nicht berücksichtigt?

Fraktionsdisziplin scheint das A und O zu sein. Eine geheime Abstimmung ist doch nur Tünche, wenn eine Fraktion vorher schon mal offen "zur Probe" abstimmen lässt. Und wie sonst lässt sich erklären, dass zum Beispiel Hartmut Rohmer, SPD und Vorsitzender des Kulturausschusses, dessen Hartnäckigkeit manche unbotmäßige Entscheidung in der Kulturpolitik unter dem CDU-Bürgermeister Herbert Napp verhindert hat, unter dessen Nachfolger Reiner Breuer (SPD) nicht mehr zu vernehmen war. Auch die CDU macht da keine große Ausnahme: Dass Koenemann und der Parteivorsitzende Geerlings (ein Gegner der Schenkung) sich nicht grün sind, pfeifen die Spatzen in Neuss von den Dächern.

Das wirklich Traurige an dem Nein zur Jugendstil-Sammlung und Museumserweiterung also ist: Es scheint weniger die Antwort auf eine Frage des Geldes als vielmehr der Macht gewesen zu sein.

Quelle: NGZ
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