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Bürgergesellschaft Neuss
"Wachstum fördern - Identität erhalten"

Bürgergesellschaft  Neuss: "Wachstum fördern - Identität erhalten"
FOTO: Lothar Berns
Neuss. Bei der Bürgergesellschaft skizzierte Beigeordneter Christoph Hölters seine Vision von der Zukunft der Stadt. Von Frank Kirschstein

Neuss wächst, nicht nur mit Blick auf die Bevölkerung, sondern auch in der Wirtschaft. Das ist gut für die gesellschaftliche Entwicklung und sichert Wohlstand, wirft aber auch Fragen auf. Wie bleibt die Stadt einerseits ein attraktiver Platz zum Wohnen und Leben, andererseits aber auch ein Wirtschaftsstandort, der heimischen Unternehmen Raum zu Expansion lässt und Platz für Neuansiedlungen bietet? Auf Einladung der Bürgergesellschaft skizzierte Christoph Hölters, Beigeordneter im Neusser Rathaus für Planung, Bauen und Verkehr, jetzt seine Ideen für die Entwicklung der Stadt.

Bis 2030 könnte Neuss nach Prognosen des Rhein-Kreises von derzeit über 155.000 auf rund 170.000 Einwohner wachsen - Johann-Andreas Werhahn, Präsident der Bürgergesellschaft, verwies zur Einführung auf ein "Problem", von dem manche Regionen, die angesichts des demografischen Wandels beständig an Bevölkerung verlieren, nur träumen können. Wachstum jedoch will geplant sein, wenn wirtschaftliche Prosperität und Bevölkerungswachstum ohne soziale Verwerfungen sichergestellt werden sollen.

Ein Problem aus Hölters Sicht: Eine immer stärkere Reglementierung von Planungsprozessen, besonders aus dem Umweltbereich. Der Beigeordnete nennt speziell das Bundesimmissionsschutzgesetz, das sich mit einer Vielzahl von Verordnungen zunehmend verselbstständige: "So wird Planung platt gemacht." Mit Lärmverordnungen zum Beispiel für Freizeit und Sport, werde zum störenden Faktor, was Menschen an der Stadt eigentlich schätzen. So sollten keine Wohngebiete mehr an Sportanlagen entstehen, obwohl ortsnahe Sportstätten gemeinhin als hohes Gut gesehen würden. "Die Konsequenz: Tennisbälle sind der Tod des Wohngebiets", sagte Hölters. Am Kamillianergelände zum Beispiel, so Hölters, sei eine acht Meter hohe Lärmschutzwand zum benachbarten Hockeyplatz entstanden. Solche Regelungen konterkarierten die Weiterentwicklung der Vision von der europäischen, nutzungsgemischte Stadt der kurzen Wege. Die Mischung von Wohnen und Arbeiten, Handel, Bildung und Freizeit, die auch den Kern von Neuss ausmache, drohe mitunter durch gesetzliche Regelungen, aber auch die immer stärkere Fokussierung der Menschen auf Einzelinteressen ohne Berücksichtigung des Gemeinwohls zu scheitern. Das betreffe nicht nur Privatleute, sondern auch Unternehmen. So werde zum Beispiel gegen die Mischnutzung mit Wohnen auf dem Werhahn-Areal am Hafenbecken I geklagt, ebenso gegen die gewerbliche Nutzung der historischen Speicher der Neusser Lagerhaus-Gesellschaft. "Letzteres ist schon schwer nachvollziehbar", so Hölters. Mit Blick auf den Erhalt vorhandener Strukturen und die nicht unbeschränkt verfügbaren Flächen setze die Stadt vor allem auf die Innenentwicklung: "Der Bestand ist unser größtes Potenzial." Beispielhaft seien der Pierburg-Altstandort, Bauer & Schaurte oder das frühere Eternit-Gelände, Flächen, die als Mischgebiete entwickelt werden sollen.

Das jedoch entspreche längst nicht immer den Vorstellungen von Entwicklern und Investoren: "Die wollen am liebsten klare Abgrenzungen, um Gewerbe, Wohnen, Handel unabhängig und möglichst risikolos vermarkten zu können." Entsprechend kommentierte Hölters Einwände der IHK Mittlerer Niederrhein, die vor einer Entwicklung des alten Pierburgstandortes an der Grenze zu Heerdt warnt und dort lieber ein reines Gewerbegebiet sehen würde. Hölters verwies darauf, dass eine gewerbliche Folgenutzung der Fläche über Jahre geprüft worden sei. Ein Problem sei die begrenzte Erreichbarkeit über die Düsseldorfer Straße. Pläne für einen Baumarkt hätten sich ebenso zerschlagen wie für andere reine Gewerbenutzungen. Mit dem Eigentümer der Fläche, der BEMA-Gruppe, soll nun eine gemischte Nutzung umgesetzt werden. Der Plan: Es werden stückweise immer zwei Objekte realisiert, jeweils eines für Gewerbe und eines für den Wohnungsbau. Damit soll auch sichergestellt werden, dass die Lärmgrenzwerte für das Gewerbe in der Nachbarschaft nicht sinken und die Unternehmen keine Einschränkungen befürchten müssen.

Bei der Frage nach grundsätzlichen Leitlinien für die Entwicklung der Stadt betonte Hölters die Bedeutung der Kerne und Konturen. Die Innenstadt - mit ihren historischen Quartieren als Kern - sei Identifikationspunkt für viele Neusser. Ähnliche Funktion hätten die gewachsenen Kerne der Ortsteile. Ebenso wertvoll für die Stadtentwicklung sei der Erhalt der Freiräume und der erkennbaren Ortsgrenzen. "Meine Vision: Neuss muss trotz des dynamischen Wachstums, das die Stadt weiter erleben wird, identifizierbar bleiben", so Hölters. Flächen für Gewerbe seien noch vorhanden etwa in Holzheim und im Neusser Süden. Für die Zukunft müssten aber neue Ideen entwickelt werden, um vorhandene Potenziale kreativ zu nutzen. Ein Beispiel: Aus alten Baggerseen könne wieder (Bau-)Land werden.

Auch bei der Schaffung von Wohnraum seien neben bekannten Projekten wie der Bebauung des Alexianergeländes mit einer gemischten Struktur bis hin zu Grundstücken für größere Einfamilienhäuser, neue Ideen gefragt. Am Bürostandort Hammfeld I zum Beispiel könne, wenn in Infrastruktur von wohnverträglichen Straßen über ÖPNV und Einzelhandel bis zur Kita investiert werde, ein weiteres Wohnquartier entstehen. Dort könne, für Neuss unüblich, aber bei bestimmten Zielgruppen durchaus gefragt, auch höher gebaut werden. "Klar ist aber: Neuss wird keine Skyline wie in Frankfurt bekommen", so Hölters. Hochhausbauten seien in Neuss eigentlich kein Thema. Für einzelne sechsgeschossige Bauten würden eigens Wettbewerbe gestartet, um keine "stereotype Schießschartenarchitektur" entstehe zu lassen.

Quelle: NGZ
 
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