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Neuss
Waren als Sendboten der Heimat

Neuss: Waren als Sendboten der Heimat
Senf, Schmelzmargarine und Sauerkraut der Marke Frauenlob aus der Blechdose: Ein Kolonialwarenladen im Haus Rottels stellt aus, was so nicht mehr zu haben ist. FOTO: C. Kleinau
Neuss. Mit dem Eiernudel-Hersteller Schram begann 1790 in Neuss die Zeit, in der die Handelsstadt Neuss mit eigenen (Industrie)-Produkten von sich reden machte. Etliche Hersteller gibt es nicht mehr, doch ihr Name bleibt ein Begriff. Von Christoph Kleinau

Britta Spies strahlt: "Schöne Müllerin", sagt die Chefin des Schützenmuseums im Haus Rottels, legt dann aber den Leinensack der Hansamühle mit dem Aufdruck "Weizenauszugsmehl" doch aus der Hand. Denn das wäre Produktpiraterie. Die echte "Schöne Müllerein" hat zwar weniger Witz, dafür mehr "Umdrehungen". 32, um genau zu sein. Doch von dem feinen Korn, den die 1881 gegründete "Destillerie, Liquer- und Essigfabrik" M. Derstappen unter diesem Namen in den Handel brachte, ist in dem kleinen Kolonialwarenladen, den das Clemens-Sels-Museum in seiner Dependance aufgebaut hat, nichts zu sehen.

Dafür stehen dort (die Verpackungen von) Schmelzmargarine der Firma Walter Rau, Senf von Jean Helten oder Sauerkraut mit dem hübschen Namen "Frauenlob", Hausmarke der 1893 gegründeten Firma Gebrüder Dickmann. "Das Sauerkraut", wurde in einem Zeitungsbericht schon 1956 festgehalten, "hat den Namen unserer Stadt mehr als manch anderes Erzeugnis der mannigfaltigen Industrie bekannt gemacht." Der Kappes - Markenbotschafter für Neuss und bis in die Gegenwart identitätsstiftend nach innen. Auch wenn die Firma Leuchtenberg, der letzte große Sauerkrauthersteller, die Produktion gerade nach Bornheim verlagert hat.

Neuss war und ist aber mehr als Sauerkraut. Das wissen nicht nur Insider. Öl und Fett, Maoam, Mehl und Margarine, Thomy-Mayonaise und Tempo-Taschentücher - all das sind Marken und Produkte, die von Neuss aus in alle Welt gehen, ihre Herkunft aber gerne verschweigen. So führte Frankenheim-Alt auch in den Jahren, als es noch in Holzheim gebraut wurde, als Herkunftsort nur Düsseldorf im Schilde.

Das war nicht immer so, denkt man nur an die Brennerei Derstappen, deren Firmengelände an Hesemann- und Breite Straße nach 1990 überbaut wurde. Sie galt als "führende Kornbrennerei am Niederrhein" und etikettierte ihren Korn - "fuselfrei, reinschmeckend und von feinstem Aroma", wie die Werbeabteilung schon 1936 formulierte - mit dem Herkunftsort Neuss. Oder an den Apotheker Jonathan Feldhaus, der per Annonce vom 31. Oktober 1815 seine "selbst-verfertigte feinste Vanille-Chocolade" anpries, die später den Namen der Stadt in alle Welt trug: Novesia. Bis 1980 wurde die Nuss-Schokolade an der Stresemannallee hergestellt, heute lebt die Marke unter dem Dach der Firma Ludwig Schokolade GmbH & Co. KG ("Trumpf") weiter.

Am Anfang der Geschichte, wie Neuss mit eigenen Produkten von sich reden machte, stand die schon 1790 von Peter Joseph Schram gegründete "Neusser Nudel und Stärkefabrik". 1963 wurde das schuldenfreie, wie den im Neusser Stadtarchiv gehüteten Unterlagen zu entnehmen ist, Unternehmen an die Firma "3 Glocken" verkauft. Bis dahin hatte Schrams vor allem im Werk an der Hansaallee, dessen letztes erhaltenes Gebäude als Atelierhaus genutzt wird, Backpulver der Marke "Okin", Eiernudeln (Marke: "Ei Ei"), Puddingpulver sowie Nähr- und Speisestärke hergestellt.

Aber auch Investoren aus den USA trugen dazu bei, dass "Made in Neuss" international zum Begriff für Qualität wurde. "Die alte Handelsstadt Neuss", so textete die NGZ im Jahr 1957, "verdankt es diesem Werk, dass sie zu einem festen Begriff in der Landwirtschaft wurde." Gemeint ist der Traktoren- und Landmaschinenhersteller "International Harvester", der 1909 an der Hafenmole I ein Werk errichtete, dass erst Getreidemäher, Pferderechen und Heuwender, ab 1937 (und bis 1997) aber vor allem Ackerschlepper produzierte. Das Werk und seine knallroten Traktoren waren mit Neuss so eng verwoben, dass in einer Festschrift zur 75-Jahr-Feier von einem "bedeutenden Platz im Bewusstsein der Neusser Bevölkerung" die Rede ist.

Imagebildend und identitätsstiftend wirkte sicher auch die Schraubenfabrik "Bauer & Schaurte", die sogar Industriegeschichte schrieb. Ihre 1927 kreierten Marke Verbus (Vergütete B- und S-Schraube) markierte das "Ende der anonymen Schraube", wie es in einer Chronik heißt. Schrauben aus dem Werk hießen fortan Durbus, Sobus Robus oder - ab 1936 - Inbus. Das Werk ist seit 2015 geschlossen, der Name Inbus aber international ein fester Begriff. Ikea sei Dank.

Quelle: NGZ
 
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