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Neuss
Wenn das Pferd zum Therapeuten wird

Neuss: Wenn das Pferd zum Therapeuten wird
Mariele Voss (l.) mit ihrer Helferin Elisabetta Lorenz. Auf der Stute Loreley sitzen Leonard (10) und Moritz (7). FOTO: L. Berns
Neuss. Seit rund zwölf Jahren bietet Mariele Voss heilpädagogisches Voltigieren für behinderte Kinder und Jugendliche an. Von Simon Janssen

Wenn Moritz auf dem Rücken von Loreley sitzt, dann geht er in seinem Kopf auf Reisen. Manchmal geht es in die Wüste, manchmal auf eine spannende Expedition in den Urwald. Im Kindergartenalter erhielt der heute Siebenjährige die Diagnose Asperger-Syndrom - eine Art des Autismus, deren Auswirkungen von Kind zu Kind unterschiedlich sind. "Moritz ist zum Beispiel sehr ängstlich", sagt sein Großvater Wolfgang Kuhl.

Einmal pro Woche kann Moritz die Angst vergessen - sobald der typische Pferdegeruch auf dem Hilgershof in seine Nase steigt und er in die großen Augen der neunjährigen Stute Loreley schauen kann. Auf dem Hilgershof wird er von Mariele Voss betreut, die seit rund zwölf Jahren heilpädagogisches Voltigieren, also Turnen auf dem Pferd, anbietet - nicht nur für Kinder mit psychischen, sondern auch mit physischen Beeinträchtigungen. Die Begegnungen mit dem Pferd haben gleich mehrere positive Aspekte. "Gerade Kinder, denen es schwer fällt, Empathie aufzubringen, können im Umgang mit dem Pferd regelrecht aufblühen. Sie überlegen, wie sie auf das Pferd wirken und bauen eine Beziehung auf", sagt die Reittherapeutin. Diese neu erlernten sozialen Kompetenzen, dieses Feingefühl im Umgang mit anderen Lebewesen übertragen sie bei erfolgreicher Therapie in den Alltag. Auch die motorischen Fähigkeiten werden laut der Pädagogin, die auch als Lehrerin an der Hauptschule Norf tätig ist, gefördert.

"Zu Beginn konnte Moritz nicht alleine auf das Pferd steigen, das klappt mittlerweile ohne Probleme", sagt sein Großvater. "Durch das Reiten wird die Muskulatur trainiert. Die Kinder entwickeln im Laufe der Zeit eine ganz andere Körperspannung. Gleichzeitig wirkt es Gleichgewichtsstörungen entgegen", sagt Voss. Auch Leonard kennt Loreley mittlerweile sehr gut. Seit dem ersten Schuljahr arbeitet der Zehnjährige mit Mariele Voss zusammen. Die Stute Arielle, auf der er damals die ersten Übungen machte, musste nach langer Krankheit eingeschläfert werden. Noch immer hat er ein Bild von ihr als Smartphone-Hintergrund. "Das zeigt, wie stark die Bindung zu dem Pferd war", sagt seine Mutter Antje Loh. Auch Moritz leidet unter dem Asperger-Syndrom und hat Schwierigkeiten, anderen Menschen Empathie entgegenzubringen. Der Umgang mit Loreley - das Reiten, das Pflegen, das Streicheln - hilft ihm jedoch bei seiner psychischen Entwicklung. "Er traut sich mittlerweile viel mehr Sachen zu als vorher", sagt seine Mutter. Loreleys Körpersprache zu deuten, ist für Leonard mittlerweile ein Leichtes. "Eben hat sie die Ohren nach vorne gedreht, da hat sie etwas im Feld beobachtet", sagt der Zehnjährige, der einmal im Monat in den Hilgershof kommt und mittlerweile zahlreiche Kunststücke beherrscht - wie den "toten Indianer", bei dem er sich mit seinem Bauch quer über den Rücken des Pferdes legt.

Trotz der Fortschritte, die Moritz, Leonard und Co. durch das heilpädagogische Voltigieren machen, werden die Kosten für diese Therapie-Form nicht von Krankenkassen übernommen. "Lediglich das Jugendamt kommt in manchen Fällen dafür auf", sagt Mariele Voss.

Quelle: NGZ
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